Chaos-Monate beim Commerzbank-Aufsichtsrat: Zwischen Umbau, Staat und Höllenhund

Das schwächste Ergebnis seit 2009, ein eigentlich gebilligter Umbauplan, aber die Commerzbank kommt nicht zur Ruhe; Aufsichtsratsmitglieder werfen der Reihe nach das Handtuch. Wie konnte es soweit kommen? Eine Chronologie.

Blitze über der Zentrale der Commerzbank | Foto: picture alliance / Frank Rumpenhorst/dpa | Frank Rumpenhorst

Es ist Mitte Juni 2020, die Corona-Maßnahmen werden immer mehr gelockert, die Laune der meisten Menschen hebt sich, Vorfreude auf den Sommer. Doch bei der Commerzbank herrscht Krisenstimmung. Es droht eine Aktionärsrevolte.

Der US-Finanzinvestor Cerverus - benannt nach dem dreiköpfigen Höllenhund aus der griechischen Mythologie - fletscht die Zähne: Der Fonds "Cerberus Institutional Partners VI" kam Ende 2019 nicht auf die branchenüblichen 15 bis 20 Prozent Rendite, sondern nur auf 6,6 Prozent. Zudem war die Fusion mit der Deutschen Bank, die Cerberus unterstützte, 2019 gescheitert.

Seit dem Sommer 2017 hält Cerberus fünf Prozent der Anteile an der Commerzbank. Doch seitdem ist der Börsenkurz der Bank um rund 60 Prozent eingebrochen - das kratzt am Ego des Großaktionärs.

Zeit, um einzugreifen, dachten sich wohl die Cerberus-Manager - und traten damit eine beispiellose Führungskrise los, die die Sanierungspläne des angeschlagenen Instituts in den kommenden Monaten weiter verzögern wird.

09. Juni 2020.

Cerberus kritisiert in einem Brief an den damaligen Aufsichtsratschef Stefan Schmittmann die Commerzbank scharf und fordert zwei Sitze im Aufsichtsrat des Geldhauses. 

Das Management und die Aufsichtsräte haben es versäumt, signifikante operationelle und technologische Initiativen zu ergreifen.

Brief von Cerberus an den Aufsichtsratschef

"Das Management und die Aufsichtsräte haben es versäumt, signifikante operationelle und technologische Initiativen zu ergreifen", hieß es in dem Schreiben.

Und weiter: "Wir fordern den Nominierungsausschuss und den Aufsichtsrat auf, es in Betracht zu ziehen, gerichtlich zwei neue, hochqualifizierte Personen nominieren zu lassen, die wir auswählen."Der Investor fordert, dass die Commerzbank sich bis zum 12. Juni um eine Antwort bemüht.

Cerberus will den Korb der Commerzbank nicht akzeptieren 

03. Juli 2020

Der erste Paukenschlag: Sowohl Martin Zielke, damals Vorstandschef, als auch der ehemalige Chefkontrolleur Stefan Schmittmann kündigen ihren Rücktritt an. Damit reagieren sie auf die Kritik des Großinvestors Cerberus.

Der ehemalige Vorstandsvorsitzender und Aufsichtsratschef der Commerzbank: Martin Zielke (links) und Stefan Schmittmann | Foto: picture alliance/dpa | Arne Dedert
Der ehemalige Vorstandsvorsitzender und Aufsichtsratschef der Commerzbank: Martin Zielke (links) und Stefan Schmittmann | Foto: picture alliance/dpa | Arne Dedert
 

Schmittmann will sich zum 3. August aus seinem Amt zurückziehen. Er habe die Strategie der Bank mitgetragen, sie sei aber auf keine ausreichende Akzeptanz im Kapitalmarkt gestoßen, sagte er dem Handelsblatt.

Noch-Aufsichtsratschef der Commerzbank verspricht geordneten Übergang  

Das Bundesfinanzministerium äußerte sich bedauernd über den Abgang. Seit der staatlichen Rettung der Commerzbank, die durch die Finanzkrise in Schieflage geraten war, hält die Bundesregierung 15,6 Prozent an der Bank.

Auch der Bund ist nicht glücklich mit dem Kurs der Commerzbank und hatte noch im Mai 2020 mit Jutta Dönges und Frank Czichowski zwei neue Aufsichtsräte in das Kontrollgremium des Geldhauses wählen lassen. Die Finanzagentur, die die staatlichen Anteile verwaltet, hatte zudem die Beratungsgesellschaft Boston Consulting Group damit beauftragt, die Commerzbank näher unter die Lupe zu nehmen.

06. Juli 2020

Es ist eine der Top-Positionen der deutschen Bankenbranche - und doch kein so begehrter Job, wie es auf den ersten Blick scheint. Der erste Favorit für den freigewordenen Posten als Aufsichtsratschef, Nicholas Teller, hat abgewunken. Die Suche geht weiter.

Nicholas Teller scheidet aus Commerzbank-Aufsichtsrat aus 

08. Juli 2020

Martin Zielkes Vertrag als Vorstandsvorsitzender wird im Einvernehmen vonseiten des Aufsichtsrats aufgehoben.

31. Juli 2020

Beauftragt mit der Suche nach einem Chefkontrolleur wird Jutta Dönges, die als Chefin der Finanzagentur des Bundes im Aufsichtsrat der Commerzbank sitzt.

Jutta Dönges, Aufsichtsrätin der Commerzbank | Foto: Jutta Dönges, Aufsichtsrätin der Commerzbank
Jutta Dönges, Aufsichtsrätin der Commerzbank | Foto: Jutta Dönges, Aufsichtsrätin der Commerzbank

Ein neuer Favorit für den Posten des Aufsichtsratschefs wird gehandelt: Hans-Jörg Vetter, der bis 2016 sieben Jahre lang als Vorstandschef an der Spitze der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) stand, soll es werden. Er gilt als erfahrener Sanierer, der sein Können bei der LBBW unter Beweis stellte, die wegen Hochrisikogeschäften mit komplexen Finanzprodukten in der Finanzkrise ins Straucheln geraten war und vom Staat gerettet werden musste.

Ein Aufsichtsratschef wie eine Mauer: Hans-Jörg Vetter 

Kritiker bemängeln, Vetter fehle es an Erfahrung mit börsennotierten internationalen Großbanken, zudem sei er mit Themen wie der Digitalisierung und dem Privatkundengeschäft nicht genug vertraut.

Auch der Großaktionär Cerberus lehnt Vetter als Aufsichtsratschef ab und will zwei eigene Kandidaten ins Rennen schicken: "Wir haben ernsthafte Zweifel, dass Hans-Jörg Vetter die richtige Person für diese Aufgabe ist und über die richtige Erfahrung hierfür verfügt", heißt es vonseiten Cerberus.

03. August 2020

Vetter wird trotz der Widerstände zum neuem Aufsichtsratschef gewählt. Investor Cerberus akzeptiert angesichts des eindeutigen Wahlergebnisses die Entscheidung und gibt seine Rebellion vorerst auf.

Hans-Jörg Vetter folgt auf Stefan Schmittmann | Foto: Hans-Jörg Vetter folgt auf Stefan Schmittmann
Hans-Jörg Vetter folgt auf Stefan Schmittmann | Foto: Hans-Jörg Vetter folgt auf Stefan Schmittmann

Ruhe kehrt allerdings höchstens an der Oberfläche ein. Denn Jutta Dönges, die den Bund im Aufsichtsgremium vertritt, hat wohl den US-Investor bei der Kandidatensuche übergangen: "Was gestern geschah, war keine Glanzleistung der deutschen Investorenlandschaft", zitierte das Handelsblatt Aussagen, die im Umfeld des Investors getätigt wurden.

17. September 2020

Der neue Chefkontrolleur Vetter erklärt erstmals, wie seine Vorstellungen für die Commerzbank aussehen. In einem Interview im Intranet der Commerzbank sagt er: "Es geht darum, Erträge zu steigern, Kosten zu senken und den Status-quo zu hinterfragen."

Commerzbank-AR-Chef Hans-Jörg Vetter findet althergebrachte Strukturen, die nicht mehr angemessen sind 

Doch in erster Linie gilt es nun erstmal, das Machtvakuum an der Vorstandsspitze des Geldhauses zu füllen.

27. September 2020

Manfred Knof wird als neuer Vorstandschef der Commerzbank verkündet. Die Besetzung der Spitze mit dem früheren Deutsche-Bank-Manager kommt für Beobachter überraschend, doch anscheinend wollte Vetter bewusst auf eine externe Lösung setzen

Die Reaktionen fallen durchwachsen aus. Zwar sei Knof, der bei der Allianz zwischenzeitlich Vorstandsvorsitzender war, ein guter Sanierer, doch er kenne sich nicht genug im Firmenkundengeschäft aus, das für die Commerzbank wichtig sei, so die Kritiker.

27. November 2020

Firmenkundenchef Roland Boekhout wirft nach gerade mal elf Monaten bei der Commerzbank wieder hin. Ausschlaggebend war ein Streit mit dem Aufsichtsrat über die Strategie der Firmenkundensparte. Vonseiten des Gremiums wurden wohl Vorwürfe laut, Boekhout habe wenig Akzente gesetzt und auf Kritik an seinen Umbauplänen dünnhäutig reagiert.

Roland Boekhout ist 2020 Rekordverdiener bei der Commerzbank 

Bereits im September kehrte Privatkundenchef Michael Mandel der Commerzbank den Rücken, außerdem auch Frauke Hegemann, ehemalige Chefin der mittlerweile geschluckten Onlintochter Comdirect und mehrere Bereichsvorstände.

Vorstandsmitglied Michael Mandel verlässt die Commerzbank 

Frauke Hegemann kehrt Commerzbank nach über 20 Jahren den Rücken 

11. Dezember 2020

Dass der Bund durchgreift, missfällt nicht nur Cerberus. Commerzbanker klagen, der Bund würde sich bei der Strategiesuche zu sehr einmischen.

"Die Sorge in der Bank ist groß, dass wir zum Spielball der Politik werden und dass am Ende die Strategie nicht mehr im Vorstand gemacht wird, sondern zu großen Teilen von Berlin aus", sagt ein langjähriger Commerzbanker dem Handelsblatt.

28. Januar 2021

Manfred Knof, CEO der Commerzbank | Foto: Manfred Knof, CEO der Commerzbank
Manfred Knof, CEO der Commerzbank | Foto: Manfred Knof, CEO der Commerzbank

Der neue Commerzbank-Vorstandsvorsitzende Knof verkündet seine Umbaupläne. Bis 2024 sollen 10.000 Vollzeitstellen abgebaut werden, die Kosten bis Ende 2024 um 1,4 Mrd. Euro sinken. Die Eigenkapitalrendite soll dann bei 6,5 bis sieben Prozent liegen.

03. Februar 2021

Es ist das schlechteste Ergebnis seit der Finanzkrise 2009: 2,9 Mrd. Verlust schrieb die Commerzbank 2020. Zuletzt hatte das Geldhaus 2012 rote Zahlen geschrieben.

16. März 2021

Vetter tritt als Aufsichtsratschef mit sofortiger Wirkung wegen gesundheitlicher Gründe zurück. Kurz nach der Verkündung des Umbaus steht die Commerzbank nun - wieder - ohne Chefkontrolleur da.

Bis zur Wahl eines Nachfolgers wird Betriebsratschef Uwe Tschäge als stellvertretender Aufsichtsratschef das Gremium leiten. Zugleich muss Tschäge als Betriebsratsvorsitzender auch mit dem Management über den geplanten Abbau von 10.000 Stellen verhandeln. Eine ungewöhnliche Doppelrolle.

17. März 2021

Der ehemalige Chef der Deutschland-Tochter von HSBC, Andreas Schmitz, wird als Kandidat für den Aufsichtsratsvorsitz gehandelt. Er sitzt seit Jahresanfang im Kontrollgremium.

Auch das Bundesfinanzministerium schaltet sich nun in die Suche ein und bringt KfW-Chef Günther Bräunig und dessen Vorstandskollegin Ingrid Hengster ein. Bräunig winkt allerdings in der KfW-Bilanzpressekonferenz ab.

Andreas Schmitz zieht sich aus dem Aufsichtsrat der Commerzbank zurück 

24. März 2021

Eigentlich war die Hauptversammlung am 5. Mai geplant unter der Leitung von Schmitz. Doch der gibt sein Amt als Aufsichtsratsmitglied ab - damit verschiebt sich auch die Hauptversammlung.

Commerzbank bestätigt Verschiebung der Hauptversammlung 

Der Hintergrund des überraschenden Rückzugs: Gegen Schmitz wird seit 2016 vonseiten der Staatsanwaltschaft im Zusammenhang mit möglichen Cum-Ex-Geschäften der HSBC Deutschland ermittelt.

Eigentlich kein Geheimnis, doch das Kontrollgremium blieb skeptisch, darunter auch Dönges und Czichowski, als Vertreter des Bundes.

28. März 2021

Helmut Gottschalk soll nun der neue Aufsichtsratschef der Commerzbank werden. Er soll auf der Hauptversammlung der Commerzbank den Aktionären vorgeschlagen werden.

Helmut Gottschalk, designierter Aufsichtsratschef der Commerzbank | Foto: Helmut Gottschalk, designierter Aufsichtsratschef der Commerzbank
Helmut Gottschalk, designierter Aufsichtsratschef der Commerzbank | Foto: Helmut Gottschalk, designierter Aufsichtsratschef der Commerzbank
 

Gottschalk gilt als akribisch und soll ein begnadeter Strippenzieher sein. Das hat er in seiner langjährigen Arbeit als Aufsichtsratschef der DZ-Bank unter Beweis gestellt. 2016 gelang es ihm und dem damaligen Vorstandsvorsitzenden Wolfgang Kirsch, die DZ Bank mit dem Düsseldorfer Schwesterinstitut WGZ Bank zu fusionieren. Zuvor waren insgesamt vier Anläufe für einen Zusammenschluss der Institute gescheitert.

Ein akribischer Strippenzieher unterbricht seinen Ruhestand 

Zudem ist Gottschalk ein guter Sanierer. So konnte die DZ Bank, die während der Finanzkrise in Schieflage geraten war - anders als die Commerzbank - ohne Staatshilfen saniert werden.

Mit ihm soll die Führungskrise beendet werden, hofft die Commerzbank. Auch die Bundesregierung, größter Anteilseigner der Commerzbank, hält Gottschalk für eine gute Wahl. Doch Kritiker bemängeln, dass Gottschalk bisher nur als Vorstandschef für die Volksbank Herrenberg-Nagold-Rottenburg zuständig war.

Hengster lehnte den Posten derweil ebenso ab.

01. April 2021

Drei weitere Aufsichtsratsmitglieder werfen das Handtuch: Victoria Ossadnik, Rainer Hillebrand und Tobias Guldimann. Sie begründen den Rücktritt nach Informationen von FinanzBusiness mit der Rolle des Bundes. Sie hätten nicht mehr das Gefühl, dass der Bund ihnen vertraute.

Auch ein Zusammenhang der Rücktritte mit dem Rückzug von Schmitz liegt nahe. Ossadnik und Hillebrand haben sich Insidern zufolge für Schmitz stark gemacht.

Am selben Tag verkündet die Commerzbank, mit den Restrukturierungsplänen weiter vorangekommen zu sein. Das Geldhaus teilte mit, es habe sich mit dem Gesamtbetriebsrat darauf einigen können, 1700 Vollzeitstellen in der AG Inland bis Ende 2021 über ein Freiwilligenprogramm sozialverträglich abzubauen.

Commerzbank einigt sich mit Gesamtbetriebsrat auf Abbau von 1700 Vollzeitstellen