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Insolvenzverwalter greift nach Dividenden der Wirecard-Anleger

In einem Zivilprozess vor dem Landgericht I will Michael Jaffé einen Durchbruch für die Gläubiger erreichen - und hält sich an die Aktionäre. Sollten die Bilanzen für 2017 und 2018 für nichtig erklärt werden, stehen Rückforderungen in Millionenhöhe an.

Die Rechtsanwälte des Wirecard-Insolvenzverwalters Michael Jaffé vor Beginn der Verhandlung im Zivilprozess vor dem Landgericht München I. | Foto: picture alliance/dpa | Matthias Balk

Wirecard-Insolvenzverwalter Michael Jaffé hält es für erwiesen, dass die angeblich auf Treuhandkonten liegenden 1,9 Mrd. Euro in der Bilanz des Zahlungsabwicklers nie existiert haben.

In einem Verfahren vor dem Landgericht München I will Jaffe die Bilanzen von Wirecard aus den Jahren 2017 und 2018 für nichtig erklären lassen, weil die Aktiva dort massiv überbewertet gewesen seien. Auf dieser Grundlage könnte er zugunsten der Gläubiger Dividenden - insgesamt 47 Mio. Euro - und Steuern von den Anlegern und vom Staat zurückfordern.

Mit einem Urteil zu seinen Gunsten könnte auch der Druck auf die Wirtschaftsprüfer von EY steigen, die die Bilanzen von Wirecard testiert hatten. Der Vorsitzende Richter Helmut Krenek kündigte am Donnerstag eine Entscheidung für den 5. Mai 2022 an.

Die Beweismittel belegen, was wir aus Indizien schon wussten.

Luidger Röckrath, Anwalt von Wirecard-Insolvenzverwalter Michael Jaffé

Jaffés Anwalt Luidger Röckrath sagte, nach den seit einigen Wochen vorliegenden, erst auf Drängen eines Gerichts in Singapur offengelegten Unterlagen der Großbank OCBC sei endgültig klar, dass es keine entsprechenden Konten dort oder bei einer anderen Bank gegeben habe. "Die Beweismittel belegen, was wir aus Indizien schon wussten."

Bei dem einzigen Konto, das dort überhaupt auf den Namen des damaligen Treuhänders Citadelle geführt worden sei, handle es sich offenbar um ein Spesenkonto, über das der Treuhändler etwa Tankrechnungen und Einkäufe beim Spielwarenhändler Toys'R'us bezahlt habe, sagte Röckrath.

Auf diesem Konto hätten Ende 2017 rund 2,6 Mio. Singapur-Dollar (umgerechnet 1,7 Mio. Euro) gelegen, ein Jahr später 3,0 Mio. Singapur-Dollar (1,95 Mio. Euro) und nicht gut 300 Mio. Euro, die in der Wirecard-Bilanz verzeichnet waren. Zwei andere Konten hätten nie existiert.

Der Insolvenzverwalter macht geltend, dass in der Bilanz von 2017 gut 740 Mio., ein Jahr später sogar gut 970 Mio. Euro fehlten. Das milliardenschwere Geschäft mit Drittpartnern in Asien sei erfunden, Wirecard habe in Wahrheit seit 2015 hohe Verluste geschrieben - insgesamt 1,1 Mrd. Euro. Das damals im Leitindex Dax gelistete Unternehmen hatte im Juni 2020 Insolvenz angemeldet, nachdem EY die Bilanz für 2019 nicht testiert hatte.

Braun-Anwalt meldet Zweifel an

Der langjährige Vorstandschef Markus Braun sitzt seit fast eineinhalb Jahren in Untersuchungshaft. Sein Rechtsanwalt Bernd-Wilhelm Schmitz meldete in der Verhandlung Zweifel an Jaffes Darstellung an.

Immerhin habe der ehemalige Wirecard-Vorstand Jan Marsalek in einem Chat geschrieben, er sei mit dem Geld auf der Flucht. Außerdem könne der Treuhänder die Konten bei einer anderen Bank gehabt haben. "Es ist einfach nicht aufgeklärt." Braun sieht sich selbst als Opfer Marsaleks.

Muss EY zahlen?

Anlegeranwältin Daniela Bergdolt sagte nach der Verhandlung, mit den Kontoauszügen nehme der Fall eine "gravierende Wendung". Die Nichtigkeit der Bilanzen sei wichtig, um Schadenersatzansprüche gegen EY anmelden zu können. Die Prüfer machen bisher aber geltend, dass sie selbst getäuscht wurden.

"Wir haben EY damit noch nicht in der Haftung", räumte Bergdolt ein. "Das Wild ist noch nicht erlegt." Ein EY-Sprecher betonte, eine Feststellung der Nichtigkeit der Bilanz sage nichts darüber aus, wer für die Mängel verantwortlich sei. In dem Prozess gehe es nicht um mögliche Pflichtverletzungen der Prüfer.

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