FinanzBusiness

Wirecard verschiebt Jahresabschluss 2019 erneut

Der Abschlussprüfer des Zahlungsdienstleisters verschiebt den Jahres- und Konzernabschluss wegen Hinweisen auf Vorlage unrichtiger Saldenbestätigungen ein weiteres Mal. Bei der Staatsanwaltschaft wird der Noch-Dax-Konzern zum Dauerkunden, Aktionäre bringen sich in Stellung.

Logo der Wirecard AG auf dem Gebäude in Aschheim | Foto: picture alliance / Sven Simon

(Aktualisiert: Wechsel im Vorstand, Untersuchung der Staatsanwaltschaft, Schlusskurs)

Die Wirecard AG hat die Vorlage ihres Jahresabschlusses erneut verschoben. Dies teilte das Dax-Unternehmen am Donnerstag (18. Juni) ad-hoc mit.

Der Aktienkurs des Zahlungsdienstleisters brach historisch ein. Das Papier schloss mit einem Minus von 61,82 Prozent bei 39,90 Euro - ein rechnerischer Verlust von etwa 8 Mrd. Euro und der zweithöchste Tagesverlust eines Dax-Konzerns überhaupt.

Der Abschlussprüfer des Unternehmens, die Ernst & Young GmbH, geht Hinweisen nach, dass ihm von einem Treuhänder bzw. aus dem Bereich der Banken, welche die Treuhandkonten führen, unrichtige Saldenbestätigungen zu Täuschungszwecken vorgelegt wurden.

Wechsel im Vorstand nach Börsenschluss angekündigt

Nach Börsenschluss teilte das Unternehmen noch mit, dass COO Jan Marsalek "wideruflich freigestellt" wurde und "mit sofortiger Wirkung" James Freis, Jr. zum Compliance-Vorstand ernannt wird.

Wolfgang Donie, Analyst bei der NordLB, hatte in einer Einschätzung Ende Mai das Wirecard-Rating auf Halten belassen. "Es ist eine Katastrophe. Es könnte für CEO Markus Braun eng werden", sagte er im Gespräch mit FinanzBusiness.

Es ist eine Katastrophe. Es könnte für CEO Markus Braun eng werden.

Wolfgang Donie, Analyst bei der NordLB

Volker Brühl, Professor des Center for Financial Studies in Frankfurt schrieb auf Twitter: "Die Shortseller dürften sich bestätigt fühlen und sich über satte Gewinne freuen, für fundamentale Anleger ist dies eine Schreckensbotschaft".

"Die vorliegende Zahlenbasis für Wirecard ist nach der heutigen Meldung in Frage zu stellen. Eine Bewertung nach fundamentalen Kriterien ist damit bis zur abschließenden Klärung des Sachverhalts nicht mehr möglich", so LBBW-Analyst Mirko Maier. Sein Rating, das bislang Kaufen bei einem Kursziel von 150 Euro lautete, hat Maier darum ausgesetzt.

Wir sind in der Situation, dass Wirecard selbst nicht mehr für Aufklärung und Vertrauen sorgen kann.

Marc Tüngler, Hauptgeschäftsführer der Anlegergemeinschaft DSW

"Das ist ein rabenschwarzer Tag", sagte Marc Tüngler, Hauptgeschäftsführer der Anlegergemeinschaft DSW. "Wir sind in der Situation, dass Wirecard selbst nicht mehr für Aufklärung und Vertrauen sorgen kann."

Jetzt sei der Aufsichtsrat gefordert: "Was bedeutet das personell, was bedeutet das für die Aufstellung des Konzerns?" Im Raum steht nun ein Rückzug oder Rauswurf von Vorstandschef und Großaktionär Braun. Die Amtszeit des österreichischen Managers endet am 31. Dezember.

Ein Index-Experte sagte der dpa außerdem, dass Wirecard nun von einem Rauswurf aus der ersten Börsenliga im September bedroht sei.

Staatsanwaltschaft prüft Vorgang

Und auch bei der Staatsanwaltschaft München wird das in Aschheim ansässige Unternehmen zum Stammkunden. Die Behörde stehe mit dem Unternehmen in Kontakt und prüfe auch diesen Vorgang, erklärte eine Sprecherin der Ermittlungsbehörde am Donnerstag auf Anfrage.

Die Münchner Staatsanwaltschaft ist bereits mit Wirecard befasst, und zwar in doppelter Hinsicht: Einerseits wird ermittelt, ob Spekulanten das Unternehmen mit illegalen Kursmanövern zugesetzt haben.

Andererseits wird gegen Vorstandschef Markus Braun und seine Kollegen in der Unternehmensspitze wegen des Verdachts ermittelt, zweimal für die Anleger irreführende Informationen veröffentlicht zu haben.

Die jetzige Prüfung der Ungereimtheiten in der Bilanz bedeute aber nicht, dass nun auch in dieser Hinsicht ein formales Ermittlungsverfahren gegen konkrete Beschuldigte eingeleitet werde.

Kein neuer Termin für die Bilanzvorlage

Ein neues Datum für die Bilanzvorlage steht noch nicht fest. "Der Vorstand arbeitet mit Hochdruck daran, den Sachverhalt in Abstimmung mit dem Abschlussprüfer weiter aufzuklären", hieß es. Sollte der Konzern einen testierten Abschluss bis Freitag (19. Juni) nicht vorlegen, könnten Kredite der Wirecard AG in Höhe von etwa 2 Mrd. Euro gekündigt werden, warnte das Unternehmen.

Markus Braun, CEO Wirecard AG: "Wir stehen im Austausch mit dem vor Ort anwesenden Treuhänder. Frühere erteilte Bestätigungen der Banken wurden vom Wirtschaftsprüfer nicht mehr anerkannt. Alle Beteiligten sind um schnellstmögliche Aufklärung bemüht. Ob betrügerische Vorgänge zum Nachteil der Wirecard AG vorliegen, ist derzeit unklar. Die Wirecard AG wird Anzeige gegen unbekannt erstatten."

Das Unternehmen sehe sich als mögliches Opfer eines "gigantischen Betrugs", wie ein Sprecher am Donnerstag in München sagte.

Schadensersatz für Anleger wird wahrscheinlicher

So unangenehm die ad-hoc-Meldung für Anleger und Investoren auch sein mag, die Schadensersatzansprüche werden wahrscheinlicher. Die Anlegergemeinschaft SdK prüft laut dpa zudem eine Sammelklage zur Durchsetzung von Schadensersatzansprüchen. "Nach vorläufiger Einschätzung könnten mehrere mögliche Pflichtverletzungen durch den Vorstand der Wirecard AG und insbesondere auch den Abschlussprüfer der Gesellschaft vorliegen", so die SdK.

Auch die Anwälte der Tübinger Kanzlei TILP sehen sich darin bestätigt, "dass Wirecard mehrfach erheblich gegen deutsches und europäisches Kapitalmarktrecht verstoßen und sich damit gegenüber Anlegern und Investoren schadensersatzpflichtig gemacht hat". Man wolle daher zeitnah entsprechende Musterverfahrensanträge beim Landgericht (LG) München I einreichen, teilte die Kanzlei mit.

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