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Firmenkundengeschäft deutscher Banken stärker durch Corona-Pandemie belastet als von der Finanzkrise 2008/2009

Laut Corporate-Banking-Index der Unternehmensberatung Bain & Company schreiben hiesige Institute länger rote Zahlen als während der letzten Finanzkrise. Woran das liegt und worauf Institute sich in diesem Geschäftsbereich nun fokussieren sollten, erläutert Bain-Partner Christian Graf.

Christian Graf, Partner bei der Unternehmensberatung Bain & Company. | Foto: Bain & Company

Die Corona-Pandemie hinterlässt im Firmenkundengeschäft deutscher Banken tiefere Spuren als die globale Finanzkrise von 2008/2009. Während die Kreditinstitute damals im Corporate Banking nur ein Halbjahr lang rote Zahlen schrieben, stecken sie nun länger in der Minuszone fest. Das zeigt die Auswertung des Corporate-Banking-Indexes im zweiten Halbjahr 2020 der Unternehmensberatung Bain & Company.

Die roten Zahlen bei stabilen Erträgen resultieren laut Bain in erster Linie aus der anhaltend hohen Kreditrisikovorsorge. Die Banken wappneten sich damit für eventuelle Zahlungsausfälle nach der Wiederaufnahme der Insolvenzantragspflicht am 1. Mai dieses Jahres, heißt es.

Insbesondere Darlehen im Automobilsektor und im Touristiksegment gelten eher als risikobehaftet. Auch deswegen setzen viele Banken nun bewusst auf Branchen, die von der Pandemie bislang weniger betroffen sind. Dazu zählen Konsumgüter, Erneuerbare Energien und Pharma.

Kreditmargen auf 2014er Niveau

Auf das gesamte Kreditvolumen hat diese Reallokation noch keinen Einfluss. Im zweiten Halbjahr 2020 blieb es auf dem Rekordniveau von knapp 1,3 Billionen Euro, allerdings nahm es erstmals seit 2015 nicht mehr zu. "Die Phase des Wachstums um jeden Preis ist im Firmenkundengeschäft zumindest vorerst vorbei", erklärt Christian Graf, Partner bei Bain. "Die Banken gehen selektiver vor und achten auf einen attraktiven Kundenmix sowie hinreichende Margen."

Die Banken gehen selektiver vor und achten auf einen attraktiven Kundenmix sowie hinreichende Margen.

Christian Graf, Partner bei Bain

Langfristig betrachtet steigern insbesondere Sparkassen und Genossenschaftsbanken ihren Marktanteil im Kreditgeschäft; Landesbanken verzeichnen hingegen einen rückläufigen Marktanteil. Internationale Wettbewerber und vor allem US-Häuser können ihre Vormachtstellung im Kapitalmarktgeschäft hebeln und zunehmend Großkunden akquirieren, lautet die Bain-Analyse.

Die Kreditmargen befänden sich mittlerweile wieder auf dem Level von 2014 - und das ungeachtet eines massiven Wettbewerbs, sagt Graf. Systematisch würden aber vor allem ausländische Geldinstitute ihren Marktanteil ausbauen.

Eigenkapitalrentabilität weiterhin negativ

Die Vorstöße ausländischer Wettbewerber treffen die deutschen Banken zu einem ungünstigen Zeitpunkt, da ihre Kosten- und Effizienzprogramme die volle Wirkung laut der Bain-Erhebung noch nicht entfaltet haben.

Zwar konnten viele Institute mittlerweile den jahrelangen Anstieg ihres Verwaltungsaufwands im Corporate Banking stoppen, doch ihre Cost-Income-Ratio bewege sich unverändert nahe den Höchstständen. Nicht zuletzt deshalb liegt ihre Eigenkapitalrendite im Firmenkundengeschäft mit rund minus 1 Prozent nun das zweite Halbjahr in Folge im negativen Bereich.

Profitabilitätsindex auf historischem Tief

Dabei waren die Verluste im Corporate Banking höher als vor gut zehn Jahren. So fiel der Wert des Bain-Corporate-Banking-Profitabilitätsindexes (CBP) von 72 im zweiten Halbjahr 2019 auf minus 12 im ersten Halbjahr 2020, und verharrt bisher im negativen Bereich bei minus 8 im zweiten Halbjahr 2020. Während der letzten Finanzkrise bildete der Wert von minus 5 im zweiten Halbjahr 2009 den einmaligen Tiefpunkt.

Es gilt, sich noch konsequenter auf margenträchtige Kundschaft und Produkte zu konzentrieren.

Stefanie Jacobsen, Associate Partner bei Bain

Da die hohen Risikokosten und die ausgeprägte Unsicherheit am Markt eine rasche Erholung verhindern, sei entschlossenes Handeln das Gebot der Stunde. "Die Banken müssen ihre Kosten weiter senken und ihre Kapitaleffizienz steigern", fordert Stefanie Jacobsen, Associate Partner bei Bain. "Und es gilt, sich noch konsequenter auf margenträchtige Kundschaft und Produkte zu konzentrieren."

Provisionsüberschüsse gestiegen

Seit Jahren ruhen die Hoffnungen dabei auf dem Ausbau des Provisionsgeschäfts. Hier waren die deutschen Banken zuletzt durchaus erfolgreich. So beläuft sich der Anteil der Provisionsüberschüsse an ihren Erträgen mittlerweile auf 31 Prozent und ist damit bis zu zehn Prozentpunkte höher als vor zehn Jahren. Im internationalen Vergleich ist dies allerdings nach wie vor ein niedriger Wert.

Um die Abhängigkeit vom Kreditgeschäft zu verringern, haben viele Institute in jüngster Zeit unter anderem das Transaction Banking sowie ihre Advisory Services ausgebaut. Dabei zeigt sich nach Ansicht von Jacobsen, dass auch Kooperationen mit Fintechs sowie die Integration von Plattformen Dritter zum Erfolg führen können.

Daher sollte sich die Branche noch stärker für die Zusammenarbeit mit Dritten öffnen, ist Jacobsen überzeugt: "Keine Bank muss das Rad neu erfinden. Es geht vielmehr darum, vorhandene Services und Leistungen von Kooperationspartnern so zu bündeln, dass sie den Erwartungen von Firmenkunden entsprechen."

Corporate-Banking in Deutschland gerät in die Verlustzone 

Der halbjährlich erhobene Bain-Corporate-Banking-Index basiert auf veröffentlichten Daten führender deutscher Banken. Das Panel deckt rund die Hälfte der Bilanzsumme der 100 größten in Deutschland tätigen Banken ab und konzentriert sich auf Finanzinstitute mit einem Schwerpunkt im Corporate Banking und einer entsprechenden Segmentberichterstattung, darunter auch Sparkassen, Genossenschafts- sowie Landesbanken.

Der Index erfasst eine Vielzahl wichtiger Kennzahlen der beteiligten Institute, darunter die Erträge (Zins- und Provisionsüberschuss), die Kostenstruktur (Verwaltungsaufwand), die Kreditrisikovorsorge, die Profitabilität (Ergebnis vor Steuern), das Eigenkapital und das Kreditvolumen.

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