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"Für die LBBW kamen die Warnzeichen zu Wirecard zu spät", sagt Rainer Neske

Der Vorstandsvorsitzende der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) verteidigt in der Bilanzpressekonferenz die Kreditvergabe an Wirecard, die nun das Konzernergebnis erheblich belastet. Das Geldhaus verdiente 2020 rund 60 Prozent weniger als 2019.

Rainer Neske, Vorstandsvorsitzender der LBBW | Foto: LBBW

Auf der Bilanzpressekonferenz wird die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) von einem Fehler der jüngsten Vergangenheit eingeholt. 2018 war das Institut an einer Kreditlinie für Wirecard mit rund 200 Mio. Euro beteiligt.

Nach der Insolvenz des Zahlungsdienstleisters verkaufte die Landesbank den Kredit am Zweitmarkt. "Für uns ist das Thema Wirecard komplett abgeschlossen", sagte Rainer Neske, Vorstandsvorsitzender der LBBW, vor der Presse.

Belastung von 160 Mio. Euro

Unterm Strich steht nun, wie berichtet, eine Belastung von 160 Mio. Euro, das Geldhaus verdiente vergangenes Jahr rund 60 Prozent weniger als 2019.

Auf Nachfrage von FinanzBusiness erklärt Neske, warum die LBBW nicht auf die Vorwürfe wegen erfundener Kunden und Umsätze reagierte, die bereits ab Februar 2019 durch Berichte der Financial Times bekannt wurden.

Wir haben die Vorwürfe von Anfang 2019 geprüft, aber nichts gefunden, was schwerwiegend genug für eine außerordentliche Kündigung war. Für die LBBW kamen die Warnzeichen zu Wirecard zu spät.

Rainer Neske, Vorstandsvorsitzender der LBBW

"Es handelte sich um eine langfristige Kreditvereinbarung", sagte er. "Wir haben die Vorwürfe von Anfang 2019 geprüft, aber nichts gefunden, was schwerwiegend genug für eine außerordentliche Kündigung war. Für die LBBW kamen die Warnzeichen zu Wirecard zu spät."

Für die Zukunft wolle das Geldhaus bei der Kreditvergabe hinsichtlich der Werthaltigkeit immaterieller Güter genauer hinschauen. Allerdings sei Digitalisierung Teil der Strategie der LBBW und es wäre wenig zielführend, jedes digitale Unternehmen diesbezüglich unter Verdacht zu stellen.

Erhöhung der Risikovorsorge

Neben der Wirecard-Pleite schlug auch eine drastische Erhöhung der Risikovorsorge für das Kreditgeschäft ins Kontor. Damit will die LBBW möglichen Belastungen aufgrund der Pandemie zuvorkommen.

In den Ist-Zahlen ist ein Corona-Effekt bisher noch nicht sichtbar. Doch die Betonung liegt auf 'noch'.

Rainer Neske, Vorstandsvorsitzender der LBBW

"In den Ist-Zahlen ist ein Corona-Effekt bisher noch nicht sichtbar. Doch die Betonung liegt auf 'noch'", so Neske. Daher habe sich die LBBW dazu entschieden, 276 Mio. Euro explizit für Corona-Folgen beiseitezulegen.

Anteil des Automobilsektors soll sinken

Mit rund 13 Mrd. Euro seien Handel- und Konsumgüter der größte Posten im Kreditportfolio, dann folge die Automobilindustrie mit etwa 11 Mrd. Euro. Der Anteil des Automobilsektors am gesamten Kreditportfolio soll aber laut LBBW tendenziell weiter sinken. Stattdessen will das Geldhaus auf Gesundheit, Erneuerbare Energien und IT setzen.

Besonders auf Nachhaltigkeit legt die LBBW ihren Fokus. "Nachhaltigkeit ist ein sehr wichtiger Teil unserer Strategie", betont Neske. So ist die LBBW nach eigenen Angaben aktuell der führende ESG-Emittent unter den Geschäftsbanken in Europa.

Vorreiterschaft in Nachhaltigkeit

Zuletzt begleitete sie die Emission des Green Bond Baden-Württemberg, der ersten grünen Anleihe eines Bundeslandes. "Wir wollen natürlich auch in Zukunft unsere Vorreiterschaft behaupten", erklärte Neske auf Nachfrage von FinanzBusiness.

Schließlich sei Nachhaltigkeit nicht nur wichtig, um in Ratings gut auszusehen. Es bestünde auch ein erheblicher Nachfragebedarf auf diesem Gebiet. Auch das Interesse der Unternehmen, die Umwelt zu schonen, sei groß, so Neske.

Klimaneutrales Leasing

Daher biete die LBBW mit ihrer Tochter Süd Leasing etwa die Möglichkeit, das Leasing einer Anlage oder einer Maschine klimaneutral zu stellen.

Dabei werden die Emissionen, die beim Betrieb der Maschine anfallen, gemessen, in Euro umgerechnet und auf die Leasingrate addiert. Das Geld wird anschließend in den Kauf von Emissionsminderungszertifikaten investiert.

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