FinanzBusiness

Banken scheren sich nicht um Erkenntnisse aus der Wissenschaft, sagt Stefan May

Wie kommt die Wissenschaft in eine Bank? Darüber hat FinanzBusiness mit Stefan May gesprochen. Der Professor für Finanzmarktanalyse und Portfoliomanagement an der Technischen Hochschule Ingolstadt war bis vor Kurzem auch Leiter des Anlagemanagements der Quirin Bank.

Stefan May | Foto: Quirin Privatbank

Die Quirin Bank ist nach eigenen Angaben die einzige Vollbank in Deutschland, die im Anlagemanagement durchgängig einen wissenschaftlichen Ansatz verfolgt. Zwischen 2014 und Mitte dieses Jahres war Stefan May dafür verantwortlich. Künftig wird er sich um Produktentwicklung kümmern und weiterhin dafür sorgen, dass wissenschaftliche Erkenntnisse in die Bank fließen - was in der hiesigen Bankbranche zumindest im Geschäft mit Privatkunden wohl eher ungewöhnlich ist, wie May im Gespräch mit FinanzBusiness sagt.

Herr May, wie kommt die Wissenschaft in die Bank?

”Eine ernsthafte Wissenschaft der Finanzmärkte gibt es seit rund 70 Jahren. Und es gibt kaum einen Bereich der Wirtschaftswissenschaft, in dem das Zusammenspiel von Theorie und Empirie so gut funktioniert. Und der auch so viele für die Praxis relevante Ergebnisse hervorgebracht hat. Leider ist das in der Öffentlichkeit viel zu wenig bekannt. Insbesondere wissen die meisten Privatkunden nicht, dass sich dabei eine Art Kanon herausgebildet hat, was man bei der Geldanlage sinnvollerweise machen sollte und was nicht. Meine Rolle ist daher im Grunde die eines Übersetzers von Wissenschaftsergebnissen in das Anlagemanagement.”

Können Sie dafür ein Beispiel nennen?

”Nehmen wir als Beispiel die in der Aktienmarktforschung übliche Unterscheidung zwischen systematischen und unsystematischen Risiken. Erstere kann und soll man auch kontrolliert und gezielt je nach individuellem Risikoprofil eingehen. Die zweiten hingegen müssen unter allen Umständen vermieden werden. Vor allem Privatanleger sind sich in der Regel absolut nicht im Klaren darüber, was dieser Grundsatz für ihre konkrete Anlage bedeutet.

Die Investition in einzelne Aktien sollte für den normalen Privatanleger eigentlich verboten sein.

Stefan May, Professor und Mitglied im Anlageausschuss der Quirin Bank

Für die Praxis bedeutet das: Die Investition in einzelne Aktien sollte für den normalen Privatanleger eigentlich verboten sein. Es sei denn, er hat so viel Geld, dass er auch mit Einzeltiteln sinnvoll das Risiko breit streuen kann. Das wird aber bei den meisten Kunden nicht der Fall sein. Für Privatanleger kann die Maxime nur sein, so breit wie möglich und auch international die Investitionen zu streuen.

Das wird in der Praxis aber so gut wie nie ausreichend berücksichtigt. Leider spielen auch manche Medien das Spiel der Banken mit und raten je nach Szenario immer wieder zu Einzeltiteln. Und das holt unsystematische Risiken ins Depot, die bis zum Totalverlust führen können, wie der Fall Wirecard zeigt.

Darum finde ich übrigens, dass vor allem für Privatanleger sogenannte Exchange Traded Funds, kurz ETF, sehr geeignet sind. Denn hier ist eine Diversifizierung konstruktionsbedingt sozusagen automatisch gewährleistet - zumindest in dem Segment, in das der ETF investiert.”

An liquiden und hocheffizienten Aktien- und Anleihemärkten (...) funktioniert aktives Management nicht.

Stefan May

Gibt es weitere Forschungsergebnisse, die zwar eindeutig sind, aber meist von Banken nicht umgesetzt werden?

”Hierzu muss man sich nur die nach wie vor absolut dominante Stellung ansehen, die aktiv gemanagte Fonds in unserer Branche nach wie vor haben. Dabei hat die Forschung eindeutig ergeben: An liquiden und hocheffizienten Aktien- und Anleihemärkten - wie beispielsweise in Europa, den USA, aber auch in den Emerging Markets – funktioniert aktives Management nicht. Und zwar weder in der Market Timing- noch in der Stock-Picking-Variante. Es gibt kaum ein Forschungsergebnis, das gesicherter ist. Ausnahme von der Regel sind Nischenmärkte, wo es sinnvoll sein kann.

Was aber machen die meisten Institute? Sie scheren sich nicht um Erkenntnisse aus der Wissenschaft und empfehlen aktives Management auch da, wo es nachweislich nicht oder allenfalls durch Zufall mal funktioniert. Interessanterweise machen sie das im institutionellen Bereich nicht, denn dort haben sie es mit Personen zu tun, die die wissenschaftlichen Ergebnisse genau kennen. Grundsätzlich kann man sagen: Was Banken bei institutionellen Kunden niemals durchsetzen könnten, weil zu teuer, oder letztlich erfolglos, das machen sie mit Privatanlegern.

Die Quirin Privatbank ist übrigens bis dato die einzige Vollbank, die die Erkenntnisse der Wissenschaft auch im Privatkundengeschäft wirklich konsequent berücksichtigt und umsetzt.”

Warum dringen die Erkenntnisse nicht zu den Anlegern durch?

”Problem ist: Die Banken verdienen einfach unglaublich gut damit, aktives Management zu beraten. Aktive gemanagte Fonds bringen Verwaltungsgebühren zwischen 1,6 und 1,8 Prozent pro Jahr. Manchmal auch noch höher. ETF dagegen so um die 0,5 Prozent. Solche Unterschiede kann man Privatanlegern nur verkaufen, wenn man sie davon überzeugt, dass man irgendeinen Investment-Guru hat, der genau weiß, wann man was kaufen oder verkaufen muss. Und der deshalb die Kostenunterschiede mehr als wettmacht. Nur leider funktioniert es halt langfristig nicht. Das ist, wie gesagt, mittlerweile eine in der Wissenschaft gesetzte Tatsache.

Ich schätze, dass die überwältigende Mehrheit der Privatanleger in Fonds mit aktivem Management investiert ist. Das zeigt, es geht den Banken und Investmentgesellschaften letztlich nur um die Margen.”

Mitunter dauert es ja sehr lange, bis Forschungsergebnisse in der Praxis ankommen. Ist die Finanzmarktforschung schneller?

”Ich glaube, es geht schneller als in vielen anderen Wissenschaftsbereichen. Der Grund dafür ist meines Erachtens das bereits erwähnte gute Zusammenspiel von Theorie und Empirie beziehungsweise Praxis. Aber auch da dauert es seine Zeit. So hat es rund 50 Jahre gebraucht, bis sich die Erkenntnisse zu den systematischen und unsystematischen Risiken wirklich durchgesetzt haben. Und wie gesagt: Bei vielen Privatkunden sind sie immer noch nicht angekommen.

Auch ist die Finanzmarktforschung sehr lebendig und vielseitig. In der Praxis müssen wir dann auch bereit sein, unsere Strategien anzupassen, wenn neue Erkenntnisse kommen.”

Mehr von FinanzBusiness

Porsche-Party in Frankfurt

Volkswagen hat seine Luxusmarke Porsche mit großem Wumms an die Börse gebracht. Auch für die beteiligten Banken ist der Börsengang ein Highlight des Jahres - in einem Markt, der ansonsten eher in den Krisenmmodus schaltet.

Belgin Rudack wird CEO der KfW-Ipex Bank

Im Januar zieht die Betriebswirtin zunächst in die Geschäftsführung ein - sobald CEO Klaus R. Michalak in den Ruhestand geht, soll sie aufrücken. Rudack ist seit 2017 Chefin der Creditplus Bank.

Lesen Sie auch

Mehr dazu

Neueste Nachrichten

Weitere Stellenanzeigen zeigen