FinanzBusiness

Chefvolkswirte deutscher Banken sehen Alternativen zum No-Deal-Brexit

Boris Johnson schwört sein Land auf einen harten Brexit ein, doch das könnte auch bloß Kalkül sein. Wie die Chefvolkswirte deutscher Banken die Chancen für einen Brexit-Deal sehen: FinanzBusiness hat nachgefragt.

Der britische Premierminister Boris Johnson in London Foto: picture alliance/Xinhua

In rund zweieinhalb Monaten will Großbritannien die EU verlassen, doch eine Einigung ist bis heute nicht in Sicht: Weil die EU seines Erachtens hart bleibt, gibt sich auch der britische Premier Boris Johnson unnachgiebig. Großbritannien verabschiede sich in jedem Fall auch ohne Handelsabkommen, stimmt er seine Landsleute auf die weiteren Verhandlungen ein.

Die Chefvolkswirte deutscher Banken sind dennoch nicht der Ansicht, dass die Sache schon gelaufen ist, zeigen Recherchen von FinanzBusiness. Viel zu viel stehe auf dem Spiel, sind sie überzeugt - das Ringen zwischen Großbritannien und der EU sei noch nicht zu Ende.

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ING Deutschland: Trotz der Drohungen bleibt alles offen

"Hinsichtlich des Brexit bleibt unsere Hausmeinung, dass die Chancen auf einen Deal immer noch bei knapp 50 Prozent liegen", sagt Carsten Brzeski von der ING Deutschland.

Die harten Worte letzte Woche sowie die Drohungen hat man schon häufiger gehört und letztendlich bleibt es im Interesse aller, einen Deal zu schließen.

Carsten Brzeski, Chefvolkswirt, ING Deutschland

"Die harten Worte letzte Woche sowie die Drohungen hat man schon häufiger gehört und letztendlich bleibt es im Interesse aller, einen Deal zu schließen." Aber auch wenn das nicht gelinge, sollten die Finanzmärkte "recht entspannt" reagieren, so Brzeski zu FinanzBusiness. "Man hatte genug Zeit, sich darauf vorzubereiten."

Berenberg: Brexit-Deal noch nicht abschreiben

Auch Holger Schmieding bleibt überzeugt, dass das letzte Wort in Sachen Brexit noch nicht gesprochen ist. "Wie immer in den letzten Jahren hat London die Stärke der eigenen Position überschätzt und die Geschlossenheit der EU unterschätzt", argumentiert der Chefvolkswirt von Berenberg. Nichtsdestotrotz sei ein Abkommen immer noch möglich. "Die Wahrscheinlichkeit dürfte zwar bei unter 50 Prozent liegen, aber wohl nur knapp darunter."

Schmieding findet, "die Briten haben mehr zu verlieren als die EU" – als kleinerer Partner seien sie auf den bevorzugten Zugang zum großen EU-Binnenmarkt eher angewiesen. Er hält es deshalb nicht für ausgeschlossen, dass "Johnson auch diesmal am Ende wieder einlenkt". Dafür könnte es ausreichen, dass ihm Frankreich in der Frage der Fischfangquote entgegenkomme.

Commerzbank: Freihandelsabkommen light

Jörg Krämer von der Commerzbank sieht hier insbesondere Deutschland in der Pflicht. "Die Bundesregierung sollte Druck auf Frankreich ausüben", sagt er. "Ein Freihandelsabkommen darf nicht an den Interessen der Fischerei scheitern, deren gesamtwirtschaftliche Bedeutung vernachlässigbar ist."

Ein Freihandelsabkommen darf nicht an den Interessen der Fischerei scheitern, deren gesamtwirtschaftliche Bedeutung vernachlässigbar ist.

Jörg Krämer, Chefvolkswirt, Commerzbank

Ähnlich wie Carsten Brzeski und Holger Schmieding denkt auch er, dass eine Einigung noch nicht ausgeschlossen ist. "Das Risiko eines Scheiterns ist zweifelsohne deutlich gestiegen. Aber immerhin reden beide Seiten noch miteinander", erklärt er. Möglich sei immer noch ein "Freihandelsabkommen light", das zumindest einige wichtige Gütergruppen wie Autos oder Medikamente umfasse. "Für umfangreichere Regelungen fehlt jedoch schlicht die Zeit."

DZ Bank: Finanzmärkte vertrauen auf Einigung

Alles läuft wohl darauf hinaus, dass der Streit um Deal oder No-Deal noch wochenlang weitergeht und sich möglicherweise sogar erst in letzter Sekunde klärt.

Sören Hettler, Senior Analyst Devisen bei der DZ Bank, hält das zumindest für ein realistisches Szenario. Es sei "für die an den Verhandlungen Beteiligten durchaus rational, einen Kompromiss erst auf den letzten Drücker zustandekommen zu lassen", findet er.

"Andernfalls könnte in der Öffentlichkeit der Eindruck entstehen, die jeweils eigene Seite hätte sich nicht teuer genug verkauft, wodurch die Akzeptanz eines Abkommens untergraben werden würde." Hettlers Fazit: Nach wie vor vertrauten die Finanzmärkte mehrheitlich auf einen glimpflichen Ausgang.

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