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Die deutschen Banken konnten ihr Überschusskapital sogar steigern, sagt Joachim Wuermeling

Der Bundesbank-Vorstand spricht im Interview mit FinanzBusiness über mögliche Kreditausfälle durch Corona und den Effekt von Negativzinsen.

Joachim Wuermeling. | Foto: Deutsche Bundesbank

Herr Wuermeling, in einer Kolumne fürs Handelsblatt ist die Rede von drei Szenarien für die Kreditausfälle – 13 Mrd. Euro, 45 Mrd. Euro und 90 Mrd. Euro. Welches Szenario dürfte aus heutiger Sicht zutreffen?

"Sie sprechen die Szenarien aus dem Finanzstabilitätsbericht der Bundesbank an. Das Basisszenario mit dem Wertberichtigungsbedarf von 13 Mrd. Euro legt die gesamtwirtschaftliche Prognose der Bundesbank vom Juni 2020 zugrunde. Beim moderaten Stress-Szenario mit 45 Mrd. Euro Wertberichtigungsbedarf rechnen wir je Branche mit dem Maximum an Kreditausfällen, die seit 2003 angefallen waren, also mit Erfahrungswerten der Vergangenheit.

Im sehr ungünstigen Stress-Szenario mit 90 Mrd. Euro Wertberichtigungsbedarf unterstellen wir zusätzlich Marktrisiken und einen Sturz der Immobilienpreise um 30 Prozent. Im moderaten Szenario würden wenige Banken in Schieflage geraten, im sehr ungünstigen Szenario dürfte das Bankensystem spürbar unter Druck geraten.  

Die Szenarien sagen aber nichts über die Wahrscheinlichkeit ihres Eintritts aus. Dies hängt von der weiteren – angesichts des Pandemie-Verlaufs unsicheren – wirtschaftlichen Entwicklung ab. Wichtig ist aber, dass wir mit der Berechnung der Auswirkungen verschiedener Szenarien auf mögliche Entwicklungen vorbereitet sind." 

Wie gut vorbereitet sind die Banken und Sparkassen auf die Ausfälle? In der Kolumne sprachen Sie von einem Kapitalpuffer in Wert von 255 Mrd. Euro.

"Die Puffer sind da und gut gefüllt: Die harte Kernkapitalquote der Banken in Deutschland hat sich von 2006 bis Ende 2019 von gut acht auf über 16 Prozent mehr als verdoppelt. Damit hielten deutsche Institute über die aggregierten aufsichtlichen Mindestanforderungen hinaus rund 138 Mrd. Euro an hartem Kernkapital. Hinzu kommen knapp 117 Mrd. Euro an hartem Kernkapital, die in den aufsichtlichen Kapitalpuffern gebunden sind und prinzipiell in Krisenzeiten genutzt werden können, um Verluste zu absorbieren und um die Realwirtschaft weiterhin mit finanziellen Mitteln zu versorgen. Die deutschen Banken konnten ihr Überschusskapital im ersten Halbjahr 2020 sogar um rund 2 Mrd. Euro steigern.

"Grundsätzlich lässt sich sagen, dass ich aktuell als Aufseher mit Blick auf die Höhe der Puffer eher selten die Stirn runzeln muss.

Joachim Wuermeling, Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank

Aggregierte Zahlen für den deutschen Bankensektor sagen natürlich wenig über die konkrete Situation in den einzelnen Banken oder den Institutsgruppen aus. Aber grundsätzlich lässt sich sagen, dass ich aktuell als Aufseher mit Blick auf die Höhe der Puffer eher selten die Stirn runzeln muss."

Erwarten die Ökonomen mit Blick auf die zweite Ausgangssperre eine U-Formation für die Konjunkturerholung statt einer V-Formation?

"Die Bundesbank veröffentlicht im Dezember eine neue Prognose, daher kann ich nur eine vorläufige Einschätzung abgeben: Aus heutiger Sicht werden die wirtschaftlichen Auswirkungen der zweiten Welle der Pandemie in Deutschland wahrscheinlich nicht so schwerwiegend sein wie im Frühjahr.

Die ergriffenen Eindämmungsmaßnahmen sind nicht so umfangreich, gleichzeitig erhalten betroffene Unternehmen großzügige Kompensationszahlungen für entgangene Umsätze, und natürlich haben die Unternehmen auch dazugelernt.

Der Sommer hat uns außerdem gezeigt, wie schnell die Wirtschaft sich wiederbeleben kann, sobald die Auflagen gelockert werden und die Menschen wieder zuversichtlicher werden. Allerdings bleibt der weitere Verlauf der Pandemie sehr unsicher.

Hoffnung machten zuletzt positive Nachrichten über einen möglichen Impfstoff. Das ist so bedeutend, weil sich die Wirtschaft erst vollständig erholen wird, wenn die Pandemie überwunden ist. In der Zwischenzeit ist es umso wichtiger, dass die Fiskalpolitik die Wirtschaft weiterhin stabilisiert und den wirtschaftlichen Aufschwung unterstützt."

Stichwort Dividendenauszahlung: Erwarten Sie, dass die Aufsicht die Empfehlung, das Kapital in der Bank zu halten, über das Ende des Jahres verlängern wird?

Das Ziel der Dividenden-Empfehlung ist es, aktuell, in der Krise, Kapital in den Banken zu halten. Denn die Banken brauchen bilanziellen Spielraum für kommende Kreditausfälle. Mir ist bewusst: Die Empfehlung, keine Dividenden zu zahlen, greift in Entscheidungen der Eigentümer der Banken ein und muss daher eine krisenbedingte Ausnahmeentscheidung bleiben. Die Empfehlung des SSM für die großen Institute gilt zunächst bis Ende des Jahres.

Wir haben aber beobachtet, dass z.B. die eine oder andere Volksbank eine Dividende doch ausgeschüttet hat – wie ist das möglich bzw. wie stringent ist die Empfehlung?

Bei den kleineren und mittelgroßen Banken, die unter nationaler Aufsicht stehen, haben wir im Oktober schon nachgesteuert: Sie dürfen unter Berücksichtigung der individuellen wirtschaftlichen Situation darüber befinden, ob sie Dividenden ausschütten wollen.

Die BaFin erwartet dafür eine positive Ertragsperspektive in der Mehrjahresplanung, die Einhaltung der Eigenkapitalregeln und das Vorhalten eines Stresspuffers. Insofern stehen die aktuellen Ausschüttungen nicht im Gegensatz zu unserer Empfehlung, sofern die Voraussetzungen erfüllt sind."

Eine Frage zu der Verteidigung von Negativzinsen seitens der Bundesbank im letzten Monatsbericht: Die Profitabilität der Institute zwischen 1999 und 2007 darf in etwa so hoch gewesen sein wie in der Zeitperiode 2014 und 2019. Der Unterschied besteht aber darin, dass die Negativzinsen die Kundenbeziehung erheblich belastet und damit das Geschäft. Warum hat dieser Punkt im Bericht keine Anerkennung gefunden?

"Negativzinsen belasten vor allem die Ertragslage jener Institute, deren Geschäftsmodell stark vom Zinsgeschäft abhängig ist. Den Kunden trotz Negativzinsen attraktive Angebote zu machen, ist für die Banken eine Herausforderung. Das erkennen wir an. Die Institute reagieren, indem sie niedrige und teilweise negative Zinsen an Kunden weitergeben.

Das ist eine unpopuläre, aber oft betriebswirtschaftlich notwendige Entscheidung. Deshalb ist es aus meiner Sicht wichtig, dass Aufsicht und Politik den Instituten nicht kommunikativ in die Parade fahren, wenn Banken solche Entscheidungen treffen. Seitens der Aufsicht beleuchten wir alle Effekte des Niedrigzinsumfelds und erklären die Lage der Institute. Das gilt auch für den angesprochenen Monatsbericht."

Und noch eine Frage zu Negativzinsen: EZB-Direktorin Isabel Schnabel hat im Handelsblatt-Interview gesagt, dass die EZB einen noch höheren Strafzins verlangen könnte, ohne dass dies dem Geschäft der Banken schadet. Wie sieht das die Bundesbank?

"Die Geldpolitik des Eurosystems ist unabhängig und richtet sich einzig und allein am gesetzlichen Mandat aus, Preisstabilität im Euroraum zu gewährleisten – und nicht an der Profitabilität der Kreditinstitute. Die niedrigen Leitzinsen sollen die Wirtschaft stimulieren, auch über die Kreditvergabe der Banken. Ab einem bestimmten Zeitpunkt und Niveau könnte der negative Einlagesatz die Ertragslage der Banken aber derart dämpfen, dass die Institute ihre Kreditvergabe einschränken. Dann wäre die geldpolitische Transmission gestört.

Der angesprochene Monatsbericht hat jedoch gezeigt, dass die Kreditvergabe in Deutschland bislang nicht durch den Einlagesatz gedämpft ist. Das Kreditwachstum war lebhaft und ist sogar stärker angestiegen als das Wachstum der Bankbilanzen.

Die aktuellen geldpolitischen, aufsichtlichen und fiskalischen Maßnahmen wirken zudem dem Risiko entgegen, dass der negative Einlagesatz zu einer Verknappung des Kreditangebots führen könnte. Der EZB-Rat hat daher explizit nicht ausgeschlossen, die Leitzinsen mit Blick auf die Zukunft noch weiter zu senken, wenn dies erforderlich ist."

Eine Frage zur Konsolidierung in der Branche, die doch die strukturelle Profitabilität der Institute stärken könnte. Sind Sie mit dem Tempo der Konsolidierung zufrieden?

"Gerade vor dem Hintergrund des andauernden Niedrigzinsumfeldes suchen Banken laufend nach Möglichkeiten zur Kostensenkung und Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit. Konsolidierung bleibt daher ein Dauerbrenner; weitere Fusionen und Filialschließungen werden nötig sein. Insbesondere letztere mögen bei Politik und Verbrauchern nicht gut ankommen, sind aber in vielen Fällen unumgänglich.

Für die Aufsicht stehen Stabilität und Solidität des fusionierten Institutes im Mittelpunkt, dazu stellen wir Fragen an potenzielle Fusionskandidaten. Schließlich kann aus der Fusion zweier schwacher Institute kein nachhaltig stabiles Institut entstehen.

Joachim Wuermeling, Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank

Bei Fusionen müssen die Voraussetzungen passen, das Bankmanagement muss prüfen: Passen die Geschäftsmodelle zueinander? Wo gibt es Synergien? Für die Aufsicht stehen Stabilität und Solidität des fusionierten Institutes im Mittelpunkt, dazu stellen wir Fragen an potenzielle Fusionskandidaten. Schließlich kann aus der Fusion zweier schwacher Institute kein nachhaltig stabiles Institut entstehen.

Fusionen sind aber nicht das einzige Instrument von Konsolidierung. Effizienz kann auch durch die Bündelung von einzelnen Elementen der Wertschöpfungskette erhöht werden. Das kann innerhalb eines Instituts, in Verbünden, durch Kooperationen oder Auslagerung an Dritte, gar grenzüberschreitend, geschehen."

Eine letzte Frage, bitte. Die deutsche Kreditwirtschaft fordert vehement, die Einzahlungen in den Europäischen Abwicklungsfonds (Single Resolution Fund - SRF) krisenbedingt zu reduzieren. Wie stehen Sie dazu?

"Das ist eine Entscheidung des europäischen Gesetzgebers. Die Regelungen sehen eine Aussetzung oder Streckung der Einzahlungen in den Europäischen Abwicklungsfonds nicht vor. Wenn hier etwas geändert werden soll, müsste schon ein dickes Brett gebohrt werden. Vor dem Hintergrund der Unsicherheit über den Fortgang der Krise gibt es aber auch gute Argumente für die Idee, die eigentlich für die Beiträge aufzubringenden Mittel im Bankensystem zu behalten."

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