ESG als Chance: Die Top-Five der FinanzBusiness-Schwerpunktwoche

ESG-Schwerpunkt: Wie das Thema ”Umwelt” in den 90ern Fahrt aufnahm, welche Kennerin der Szene sich etablierte und welch’ Schatz eine ESG-Datenbank darstellt - unsere Schwerpunktwoche im Rückblick.
Drei Buchstaben, große Wirkung | Foto: picture alliance / CHROMORANGE | Michael Bihlmayer
Drei Buchstaben, große Wirkung | Foto: picture alliance / CHROMORANGE | Michael Bihlmayer

Green Deal: Die ESG-Entwicklung im Zeitraffer

1992 erahnte es die EU-Politik: Es gab den Start der ”Finanzinitiative des Umweltprogramms der Vereinten Nationen”. Für die Banken in der EU bedeutete das: Sie müssen für jeden Kunden eine Einschätzung seiner Umweltverträglichkeit von ”grün” bis ”blassgrün” erstellen.

Das japanische Kernkraftwerk Fukushima vor der Katastrophe. | Foto: Colourboxs
Das japanische Kernkraftwerk Fukushima vor der Katastrophe. | Foto: Colourboxs

Auf der Konferenz der Vereinten Nationen zu Umwelt und Entwicklung - dem sogenannten Erdgipfel - in Rio de Janeiro wird beschlossen, die Umgestaltung des privaten Finanzwesens als Schlüssel zur Erreichung einer nachhaltigen Entwicklung zu nutzen. Die ”Finanzinitiative des Umweltprogramms der Vereinten Nationen” (UNEP FI) wird ins Leben gerufen. 

Fukushima als schockierende Katastrophe - mit Konsequenz

Die Kernreaktor-Katastrophe in Fukushima im Jahr 2021 bekräftigt die deutsche Politik in ihrer Unterstützung des Green Deals. Unter der damaligen Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und wird beschlossen, dass Deutschland fürderhin kein einziges Kilowatt aus Kernkraft fördern dürfe.

2023 nimmt das Umweltthema ”Financial Sustainability” immer mehr Raum in der Strategie und beim Personalmanagement der Banken in der EU ein. Die wichtigsten Banken haben einen extern besetzten Nachhaltigkeitsbeirat, der explizit für den Vorstand als Impulsgeber agiert. Allein die Themen Taxonomie und CSRD (Berichtspflicht zu Sustainability) binden viele Mitarbeiter. 

Die EU sieht in Klimawandel und Umweltzerstörung weiterhin existenzielle Bedrohungen für Europa. Mit dem Green Deal soll der Übergang zu einer ressourceneffizienten und wettbewerbsfähigen Wirtschaft geschaffen werden. Die Kernpunkte:

  • bis 2050 keine Netto-Treibhausgase mehr,
  • Wachstum der EU muss von der Ressourcennutzung abkoppelt werden.

Die EU-Kommission hat zudem formuliert, was die EU und die Mitgliedstaaten tun müssen, um ”Leben zu retten, Kosten zu senken und den Wohlstand zu schützen”. Angesichts von Rekordtemperaturen und extremen Wetterereignissen gelte es, die Klimarisiken ”in allen Sektoren zu bewältigen und gute Voraussetzungen für die Finanzierung der Klimaresilienz zu schaffen”.

ESG als willfähriges Konvolut?

Ein ungelöster Widerspruch sorgt bis heute für Unzufriedenheit unter Vermögensverwaltern und Banken: Einerseits gibt es das erklärte politische Ziel und auch den Willen in großen Teilen der Branche, die Faktoren Umwelt und soziale Gerechtigkeit bei Anlageentscheidungen zu berücksichtigen. Auch unter den Kunden wollen immer mehr die ESG-Aspekte gern berücksichtigten.

Besserungsbedarf bei der Datentransparenz | Foto: Bafin
Besserungsbedarf bei der Datentransparenz | Foto: Bafin

Aber auf der anderen Seite bekommen die Finanzinstitute ESG-Informationen, die oft alles andere als glasklar und wasserdicht sind. ”Problematisch ist, dass bis dato kein einheitlicher Standard bezüglich der Erhebung und des Umgangs mit ESG-Daten und Ratings existiert”, heißt es in einer kürzlich von der BaFin veröffentlichten Studie dazu. Das führe zu einer mangelnden Vergleichbarkeit von ESG-Daten und Ratings.

Thorsten Pötzsch, Exekutivdirektor Wertpapieraufsicht und Asset-Management Bafin. | Foto: Bernd Roselieb/Bafin
Thorsten Pötzsch, Exekutivdirektor Wertpapieraufsicht und Asset-Management Bafin. | Foto: Bernd Roselieb/Bafin

Thorsten Pötzsch, Exekutivdirektor Wertpapieraufsicht und Asset-Management bei der Aufsicht, macht deutlich, dass bei fehlerbehafteten Daten der ESG-Service-Anbieter für deren Kunden – die Banken – Greenwashing-Gefahr droht. 

Ebenso können Vermögensverwalter aber auch unabsichtlich ”Greenwishing” betreiben, indem sie sich auf falsche Daten verlassen. Pötzsch: ”Ein Produkt darf nicht als nachhaltiger angepriesen werden, als es in Wirklichkeit ist. […] Greenwashing ist ein Risiko für die Transformation unserer Wirtschaft. Im Übrigen wird dieses Risiko durch die unübersichtliche und stark fragmentierte Regulierung im Bereich ESG noch verstärkt.” Ein klares, eindeutiges und vor allem überschaubares Regelwerk werde benötigt.

Von 37.000 auf 48.000 Euro in zwei Jahren: Preissprung bei ESG-Daten | Foto: Bafin
Von 37.000 auf 48.000 Euro in zwei Jahren: Preissprung bei ESG-Daten | Foto: Bafin

Ob Politik und Aufsicht über Werkzeuge verfügen, aus diesem nahezu oligopolistisch organisierten Markt einen freieren zu machen – das ist derzeit eine offene Frage. Neben der Frage nach einheitlichen und verbindlichen ESG-Bewertungskriterien, deren Einführung mit großer Sicherheit bevorsteht – wenngleich nicht sicher ist, wann.

Silke Stremlau - eine ESG-Überzeugungstäterin

Silke Stremlau ist Vorsitzende des Sustainable Finance-Beirates der Bundesregierung. 34 Experten aus Wirtschaft, Finanzbranche und Wissenschaft diskutieren hier über Entwicklungen und Lösungen bei Steuerungsinstrumenten für die Durchsetzung des Nachhaltigkeitstrends. In dem Gremium sitzen auch hochrangige Vertreter aller namhaften Banken sowie 19 sogenannte beobachtende Organisationen.

Ihre ersten Berufsjahre verbrachte die Sozialwissenschaftlerin später bei der Nachhaltigkeitsagentur Imug, die börsennotierte Unternehmen prüft und ESG-Ratings erstellt. Nach 15 Jahren wurde sie Generalbevollmächtigte der Bank im Bistum Essen, dann folgte der Wechsel als Vorständin zu den Hannoverschen Kassen - eine Pensionskasse, die sich streng an nachhaltigen Richtlinien orientiert. Stremlau, die diesen Vorstandsposten kürzlich aufgab: ”Dort habe ich die Sichtweise der nachhaltigen Investorin kennengelernt.”

Aktuell bekleidet sie Positionen als Fellow bei der Stiftung Mercator sowie als Aufsichtsrätin bei der NORDLB und der Umweltbank.

Entwurf einer ESG-Skala für Finanzanlagen

Bis heute ist der Schutz der Umwelt ihre zentrales Thema – allerdings loben Wegbegleiter nun neben ihrer Zielstrebigkeit den sachlichen, kompetenten Argumentationsstil. Zwei ihrer jüngsten Meilensteine sind der umfangreiche Bericht ”Zukunftsbild eines nachhaltigen Finanzmarktes 2034“ (mit Leitfäden für die Vereinheitlichung von Vorgaben für Nachhaltigkeitsberichte) und der Entwurf einer ESG-Skala für verschiedene Finanzanlagen.

Zum Thema Financial Sustainability gebe es zwar viele Rankings, ”aber bisher kein einheitliches staatliches Gütesiegel für alle Finanzprodukte. Das wollen wir ändern und arbeiten an einer ESG-Skala, die EU-weit die Nachhaltigkeit von Finanzprodukten von eins bis sieben beurteilen soll. Egal ob Sparbuch, Fonds oder Girokonto.” Das System zu etablieren erfordere, ”viele dicke Bretter zu bohren” – aber das ist der beharrlichen Kämpfernatur durchaus zuzutrauen.

Keine Angst vor Gegenwind

Gegenwind aus Teilen der Finanzbranche hält Stremlau aus. Dort ist bereits heute von einem unübersichtlichen Konstrukt an staatlichen Regulierungen und Vorgaben die Rede – und die Kritiker wünschen sich keine weiteren. Die Gegenthese der Finanz-Spezialistin: Jede Bank müsste vor einer Finanzierung entscheiden können, ob ein Geschäftsmodell in eineinhalb Jahrzehnten ein finanzielles Risiko aus ökologischen Gründen sei. ”Ich glaube nicht, dass Banker das schon können. Es ist aber ihre Aufgabe. Es geht darum: Kann ein Unternehmen einen Kredit zurückzahlen?“

Was ihre Position an der Spitze des Financial-Sustainability-Beirats so interessant (und wirkmächtig) mache, erklärt Stremlau so: ”Jeder weiß: Wenn der Beirat eine Position vertritt, sind viele Perspektiven eingeflossen, von Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft. Das macht es wahrscheinlicher, dass unsere Ergebnisse auch in der Gesellschaft mehrheitsfähig sind. Ministeriumsvertreter:innen bekommen von uns den Blick aus der Realität, den sie sonst nicht kriegen, ungefiltert – und ohne Lobbyinteressen.”

Von Erdbeben bis Flutgefahr: Wie Banken Naturrisiken analysieren

Welche Lösungen für die Analyse der ESG-Werte ihrer Kunden stehen Banken zur Verfügung? FinanzBusiness befragte CRIF, einen der führenden Informations- und IT-Anbieter. 

Aus Brüssel und Berlin kommen eine stetig wachsende Flut von Vorschriften. Während es früher genügte, wenn eine Bank über Liquidität, Unternehmensperformance und Management-Qualität Daten erhob, muss sie jetzt auch den umfangreichen ESG-Bereich bei der Bewertung ihrer Unternehmenskunden berücksichtigen. Es stellt sich die Frage: Wie können Institute - gerade auch kleinere - diese Aufgabe möglichst effektiv lösen? 

Am Anfang steht für die meisten Banken das Andocken ihrer IT an die Datenwelt eines Dienstleisters wie CRIF. Dadurch erhalten sie einen ESG-Datensatz mit den grundlegenden Rohdaten und KPIs (Key Performance Indicators) ihrer jeweiligen Kunden, die aus Sekundär-Quellen wie beispielsweise Handelskammer, Eurostat, der Europäischen Kommission, Open Street Maps, Websites der Unternehmen und öffentlichen Bekanntmachungen stammen. Darüber hinaus aus einer Primärquelle, nämlich der von CRIF betriebenen Plattform ”Synesgy”, welche Daten enthält, die aus ESG-Fragebögen stammen, die von den Kunden-Unternehmen individuell beantwortet und später von CRIF-Experten ausgewertet werden. 

Diese Daten bilden zum einen die Grundlage für die vorgeschriebenen Meldungen an den Regulator, werden von den Instituten aber auch für eigene strategische Überlegungen genutzt. Verwendet werden sie unter anderem für folgende Zwecke:

· Offenlegung der Säule 3,
· Integration von ESG in den Eigenkapitalrahmen,
· Berechnung der finanzierten Emissionen,
· Erstellung einer Szenarioanalyse gemäß des Rahmenwerks der Task Force on Climate-related Financial Disclosures (TCFD).

Die Empfehlungen würden mit Priorisierungsempfehlungen versehen, da in der Praxis vor allem KMU nicht die Ressourcen hätten, alle Maßnahmen auf einmal zu ergreifen.

BAFin-Studie - ESG muss ich noch zurechtlaufen

Ohne Zugriff auf externe Datenbanken mit Nachhaltigkeitsregistern kommt kein Finanzinstitut mehr aus. Die Nachfrage steigt, die Qualität hält aber nicht mit, ergab eine BaFin-Studie.

Knirschen im Getriebe: Nutzer von ESG-Datenbanken beurteilen deren Service kritisch. | Foto: Colourbox
Knirschen im Getriebe: Nutzer von ESG-Datenbanken beurteilen deren Service kritisch. | Foto: Colourbox

Ein ungelöster Widerspruch sorgt für Unzufriedenheit unter Vermögensverwaltern und Banken: Einerseits gibt es das erklärte politische Ziel und auch den Willen in großen Teilen der Branche, die Faktoren Umwelt und soziale Gerechtigkeit bei Anlageentscheidungen zu berücksichtigen. Auch unter den Kunden wollen immer mehr die ESG-Aspekte gern berücksichtigten.

Ein Großteil der 60 von der Bafin befragten Geldverwalter (KVGen), nämlich 83 Prozent, greift zur Datenerhebung auf externe Anbieter zurück und verwendet deren ESG-Daten und Ratings. 84 Prozent setzen dabei auf MSCI, 44 Prozent nutzen ISS, Bloomberg (28 Prozent) und Sustainalytics sowie Solactive (je 20 Prozent) folgen.

Befragte sehen Preis und Güte der ESG-Services nicht im Einklang

Das tun sie aber offenbar nicht mit wachsender Freude: Nur 18 Prozent von ihnen sehen die Kosten für den Service als angemessen an, 81 Prozent tun das nicht. 

Ursache ”für die unverhältnismäßig hohen Kosten für ESG-Daten und Ratings” laut Studienteilnehmern: Die Konzentration auf eine geringe Anzahl an Datenanbietern und deren beherrschende Marktstellung, die es ihnen erlaubt, hohe Preise durchzusetzen.

Qualität hat ihren Preis – aber die wird von den Nutzern der ESG-Datenbanken nicht gerade überragend beurteilt: Nur rund 38 Prozent bewerten sie ”hoch“, 62 Prozent monieren dagegen schlechte Datenabdeckungen und unzureichende Aktualität - der Zeitraum zwischen der Verfügbarkeit von neuen Informationen und der Aktualisierung der ESG-Daten und Ratings durch die Anbieter würde zwischen tages- und jahresaktuell variieren.

Ob Politik und Aufsicht über Werkzeuge verfügen, aus diesem nahezu oligopolistisch organisierten Markt einen freieren zu machen – das ist derzeit eine offene Frage. Neben der Frage nach einheitlichen und verbindlichen ESG-Bewertungskriterien, deren Einführung mit großer Sicherheit bevorsteht – wenngleich nicht sicher ist, wann.

Einhelliger Tenor: Bedeutung von ESG-Daten wächst weiter

In einem ersten Schritt appelliert die BaFin jetzt an die ESG Datenanbieter, ihre Methoden ”im Detail und auf eine verständliche und einfache Weise offenzulegen sowie in einem angemessenen Zeitrahmen auf Rückfragen ihrer Kunden reagieren”. Dabei verweist die Behörde auf den Sustainable Finance-Beirat, der eine Präzisierung der Methodiken und spezifischere Ratings ausgearbeitet hat.

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