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"Jens Weidmann ist ein Euromantiker"

FinanzBusiness Profil: Der scheidende Bundesbank-Präsident bekommt von seinem anfänglichen Doktorvater Roland Vaubel ein gemischtes Zeugnis ausgestellt. Zuletzt hatte Weidmann die ultralockere Geldpolitik der EZB offen kritisiert - und Grenzen bei versuchter Klimapolitik durch Notenbanken gefordert.

Bundesbank-Präsident Jens Weidmann | Foto: picture alliance / HANS PUNZ / APA / picturedesk.com

Optisch ist Jens Weidmann den meisten Deutschen bekannt - die markante Brille, Seitenscheitel und rotblondes Haar, ein charmantes Lächeln. Für Aufsehen sorgte zu seinem Amtsantritt als Präsident der Deutschen Bundesbank im Mai 2011 auch sein vergleichsweise junges Alter von 43 Jahren - "zu jung", hieß es damals aus Teilen der Wissenschaft.

Am Mittwoch gab er nach zehn Jahren im Amt seinen Rücktritt bekannt. Für viele in Politik, Wirtschaft und den Medien kam das überraschend. Wer seine Äußerungen in den vergangenen Monaten verfolgte, der hatte aber bereits ahnen können, dass die Frustration über diverse geldpolitische Entscheidungen des obersten Euro-Währungshüters - der Europäischen Zentralbank - beim 53-Jährigen in den vergangenen Monaten gewachsen ist. Ob sein Rücktritt damit zusammenhängt, bleibt bislang offen.

Das erste P steht schließlich für pandemisch und nicht für permanent. Das ist eine Frage der Glaubwürdigkeit.

Jens Weidmann, scheidender Bundesbank-Präsident

Zuletzt schlug er vermehrt kritische Töne an - etwa im Rahmen des Notfall-Ankaufprogramms der EZB ("Pandemic Emergency Purchase Programme", kurz: PEPP). So erneuerte er noch im August seine Forderung nach einem Stopp der Krisenanleihekäufe zum Ende der Pandemie und skizzierte ein Ausstiegsszenario aus der Niedrigzinspolitik. "Das erste P steht schließlich für pandemisch und nicht für permanent. Das ist eine Frage der Glaubwürdigkeit", sagte er damals.

Weidmann erneuert Forderung nach Stopp der Krisenanleihenkäufe

Bundesbank-Präsident Weidmann hält jüngste EZB-Beschlüsse für zu weitgehend

Weidmanns Alma Mater ist die Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Dort promovierte er auch 1997 zum Dr. rer. pol. Sein ursprünglicher Doktorvater ist der Mannheimer Wirtschaftsprofessor Roland Vaubel, doch Weidmann wechselte während seiner Promotion nach Bonn zurück und promovierte beim mittlerweile verstorbenen Manfred Neumann über Geldpolitik.

Wenn sein Rücktritt inhaltliche Gründe hat, würde ich meine Aussage, dass er ein farbloser Technokrat war, revidieren.

Roland Vaubel, Prof. em. für Politische Ökonomie, Universität Mannheim

Anfänglicher Doktorvater fällte hartes Urteil

Vaubel hatte Weidmann anlässlich der Ernennung zum Bundesbank-Präsidenten 2011 als "farblosen Technokraten" bezeichnet, der "der Aufgabe nicht gewachsen" sei. Im Gespräch mit FinanzBusiness fällt Vaubels Urteil am Tag des Rücktritts etwas milder aus: "Wenn sein Rücktritt inhaltliche Gründe hat, würde ich meine Aussage, dass er ein farbloser Technokrat war, revidieren", gesteht der emeritierte Professor ein.

Er war in allem, was mit Europa zu tun hatte, zu romantisch.

Roland Vaubel, Prof. em. für Politische Ökonomie, Universität Mannheim

Die geldpolitische Linie Weidmanns in zehn Jahren Amtszeit habe Vaubels Erwartungen entsprochen. "Er hat geldpolitisch den richtigen Kurs gefahren und vor einer zu expansiven Geldpolitik gewarnt. Was ich ihm jedoch übel nehme ist, dass er sich 2011 für den europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) eingesetzt hat, obwohl dieser nicht dem Vertrag über die Funktionsweise der Europäischen Union entsprach", sagt Vaubel zu FinanzBusiness.

"Er war in allem, was mit Europa zu tun hatte, zu romantisch. Er ist Euromantiker", resümiert Vaubel.

Bei Inflation auf Linie mit der EZB

Wenngleich Weidmann mit den jüngsten PEPP-Anleihekäufen nicht ganz einverstanden war, so deckten sich seine Ansichten beim Thema Inflation mit den offiziellen Aussagen der EZB. Ebenso wie die Ökonomen der Notenbank erwartet Weidmann, dass die derzeit erhöhten Teuerungsraten "nur vorübergehend" auf diesem Niveau verharren. Am Inflationsziel von zwei Prozent wollte er ebenso wie die EZB festhalten.

Anlässlich der im Juli vorgestellten neuen EZB-Strategie sagte Weidmann: "Eine Inflationsrate von zwei Prozent in der mittleren Frist ist als Ziel klar und leicht zu verstehen. Wir streben weder niedrigere noch höhere Raten an. Das war mir wichtig." Die neue Strategie helfe der Geldpolitik, Preisstabilität für die Menschen im Euroraum zu sichern, so Weidmann.

Neues EZB-Inflationsziel ist "klar und leicht zu verstehen", sagt Jens Weidmann 

Gegen "Korrektur von demokratischer Willensbildung" durch EZB

Auch zum Thema Klimapolitik durch Notenbanken positionierte sich Weidmann deutlich. Seines Erachtens sollte es klare Grenzen für den Handlungsspielraum der EZB beim Thema Klima- und Umweltschutz geben. Der EZB-Rat habe im Juli zwar beschlossen, Klimaschutzaspekte stärker in seinen geldpolitischen Handlungsrahmen einfließen zu lassen, "aber das sollte nicht mit einer eigenen Klimapolitik verwechselt werden", mahnte Weidmann in einem Interview vom September.

Weidmann: EZB kann keine eigene Klimapolitik betreiben

"Es steht uns nicht zu, Ergebnisse der demokratischen Willensbildung von Parlamenten und Regierungen zu korrigieren oder vorwegzunehmen", betonte der Bundesbank-Präsident.

Es steht uns nicht zu, Ergebnisse der demokratischen Willensbildung von Parlamenten und Regierungen zu korrigieren oder vorwegzunehmen.

Jens Weidmann, scheidender Bundesbank-Präsident

Zu viel Nähe zur Politik?

Weidmann begann seine Karriere nach Abschluss der Promotion beim Internationalen Währungsfonds (IWF) in Washington. 1999 kehrte er nach Deutschland zurück und wurde Generalsekretär des Sachverständigenrats, bevor er 2003 das erste Mal zur Bundesbank kam. Zwischen 2006 und 2011 war er Leiter der Abteilung Wirtschafts- und Finanzpolitik im Bundeskanzleramt, zuletzt auch persönlicher Beauftragter der Bundeskanzlerin für die Weltwirtschaftsgipfel der G8- und G20-Staaten, weshalb ihm zunächst eine unpassende Nähe zur Politik nachgesagt wurde.

Sein zweiter Doktorvater Neumann nahm ihm in einem Artikel in der FAZ aus 2011 in Schutz und traute Weidmann zu, eines Tages sogar EZB-Präsident zu werden. Doch Weidmann hat nun scheinbar andere Pläne.

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