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Aktienhandel per App verleitet zum Zocken, warnt Andreas Hackethal

Der Leiter der Forschungsabteilung Household Finance beim Leibniz-Institut für Finanzmarktforschung und weitere internationale Autoren kommen zu dem Schluss, dass dies auf ein verändertes Risikoprofil der Anleger - auch langfristig - zurückzuführen sei.

Andreas Hackethal, Leiter der Forschungsabteilung Household Finance beim Leibniz-Institut für Finanzmarktforschung | Foto: SAFE

(Aktualisiert: Weitere, exklusive Aussagen von Andreas Hackethal)

Private Anleger neigen zum Zocken, wenn sie zur Abwicklung ihrer Wertpapiergeschäfte das Smartphone nutzen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Forschergruppe um Andreas Hackethal, Leiter der Forschungsabteilung Household Finance beim Leibniz-Institut für Finanzmarktforschung ("SAFE"), in einem Arbeitspapier.

Die Autoren zeigen, dass Personen bei Transaktionen über mobile Apps eher risikoreiche Wertpapiere mit stark schwankenden Kursen wählen oder Wertpapiere kaufen, die in der Vergangenheit hohe Renditen erzielten - was jedoch für die künftige Renditeentwicklung kein geeigneter Indikator ist.

Die gestiegene Risikobereitschaft ist nicht durch eine anfängliche, vorübergehende Begeisterung zu erklären, sondern ist Ausdruck einer langfristig geänderten Anlagestrategie.

Andreas Hackethal, Leiter der Forschungsabteilung Household Finance, SAFE-Institut

"Die gestiegene Risikobereitschaft ist nicht durch eine anfängliche, vorübergehende Begeisterung zu erklären, sondern ist Ausdruck einer langfristig geänderten Anlagestrategie", sagt Hackethal in einer Mitteilung.

Nachdem Anleger begonnen haben, einen Teil ihrer Wertpapiergeschäfte via App per Smartphone zu erledigen, neigen sie nicht nur bei diesen Transaktionen dazu, in riskantere Wertpapiere zu investieren oder Aktientrends nachzujagen. Vielmehr überträgt sich das Verhalten auch auf Transaktionen, die sie über andere Geräte tätigen, etwa an ihrem Computer.

Andere Entscheidungen durch Feierabendlaune

Für ihre Analyse haben die Wissenschaftler mehrere Einflussfaktoren untersucht, die zu risikobereiterem Anlageverhalten beitragen.

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So ermöglichen es etwa mobile Apps den Anlegern, auch außerhalb der Börsenhandelszeiten Wertpapiere zu kaufen und verkaufen. In "Feierabendlaune" getroffene Entscheidungen könnten dabei eher emotionsgetrieben sein als Entscheidungen, die im Büro in nüchterner Atmosphäre getroffen werden.

Langfristig kann diese Verhaltensänderung zu einer geringeren Effizienz des eigenen Portfolios führen; diese Art Investition gleicht dann eher einem Lottospiel.

Andreas Hackethal, Leiter der Forschungsabteilung Household Finance, SAFE-Institut

Des Weiteren würden Apps oftmals Anreize in Form von Ranglisten der Top-Aktien der jüngsten Vergangenheit präsentieren, argumentieren die Wissenschaftler. "Langfristig kann diese Verhaltensänderung zu einer geringeren Effizienz des eigenen Portfolios führen", so Hackethal weiter, "diese Art Investition gleicht dann eher einem Lottospiel."

Für langfristigen Erfolg kühlen Kopf bewahren

Was bedeuten die Studienergebnisse nun konkret für die Privatanleger? "Wenn langfristiger Anlageerfolg das Ziel ist, dann lautet die Handlungsempfehlung, Intuition durch Kalkül zu ersetzen und sich einen Trade lieber noch einmal durch den Kopf gehen zu lassen", gibt Hackethal zu bedenken.

"Wie bei einem Impulskauf, wo es sich auch lohnt, den Titel erst einmal auf die Merkliste zu nehmen und auf den nächsten Tag abzuwarten, empfiehlt es sich auch hier, den ersten Impuls sacken zu lassen und dann mit kühlem Kopf zu agieren. Wenn der Spaß am Spekulieren im Vordergrund steht, dann gibt es keine Handlungsempfehlung", folgert er.

Handelsdaten von zwei großen Privatkundenbanken

Das Arbeitspapier beruht auf Daten zweier großer deutscher Privatkundenbanken, die in den Jahren 2010 und 2013 Mobiltelefon-Anwendungen für den Handel von Wertpapieren eingeführt haben. Insgesamt analysierten die Wissenschaftler mehr als 22 Mio. Transaktionen von rund 180.000 Anlegern. Gleichzeitig sind dabei Daten vieler Neobroker, die in den vergangenen Jahren gegründet wurden, noch nicht enthalten.

Doch ein Update der Studie ist von Hackethal und seinen Co-Autoren bereits geplant, erfuhr FinanzBusiness: "Ja, ein Update der Studie ist unterwegs. Weil in der Erststudie aber vor allem die weniger erfahrenenen Trader mit dem Smartphone spekuliert haben, ist unsere Hypothese, dass wir die Muster in der aktualisierten Studie verstärkt sehen", erklärt er.

Der durchschnittliche Nutzer ist 45 Jahre alt

Im Durchschnitt seien diese Nutzer 45 Jahre alt, haben neun Jahre Erfahrung mit Wertpapiergeschäften und erledigen zwei Prozent dieser Geschäfte per Smartphone.

Zuvor betonte Matthias Hach, CEO von Wallstreetonline, im FinanzBusiness-Interview, dass er Wertpapierhandel keineswegs für vergleichbar mit Kasino-Zocken beziehungsweise Sportwetten halte. Auch andere Neobroker und Social-Trading-Plattformen haben Vergleiche dieser Art in der Vergangenheit häufig abgewiesen.

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