FinanzBusiness

BVR sieht in heutiger EZB-Entscheidung eine verpasste Chance zum Kurswechsel

Ein klares Signal würde Finanzmärkten und Tarifparteien zeigen, dass die Geldpolitik rechtzeitig handeln wird, sollte die hohe Inflation länger anhalten, sagte BVR-Vorstand Andreas Martin. Auch Jan Krahnen vom SAFE-Institut sieht eine Andeutung zum Kurswechsel als "überfällig" an.

Andreas Martin, Vorstandsmitglied des BVR. | Foto: BVR

Nach Auffassung des Bundesverbands Deutscher Volks- und Raiffeisenbanken (BVR) hat die Europäische Zentralbank (EZB) mit der heutigen Bestätigung des geldpolitischen Kurses "die Chance zu einem Kurswechsel verpasst". Die EZB hätte aufgrund der drohenden Verfestigung der hohen Inflation auf der heutigen Ratssitzung Vorbereitungen für eine Zinswende treffen müssen, forderte der BVR in einer Stellungnahme.

Ein klares Signal der EZB würde den Finanzmärkten, aber auch den Tarifparteien zeigen, dass die Geldpolitik rechtzeitig handeln wird, falls die hohe Inflation länger anhalten sollte.

Andreas Martin, Vorstand, BVR

"Die EZB läuft der Zeit hinterher und zögert mit den notwendigen Vorbereitungen für eine Zinswende. Ein klares Signal der EZB würde den Finanzmärkten, aber auch den Tarifparteien zeigen, dass die Geldpolitik rechtzeitig handeln wird, falls die hohe Inflation länger anhalten sollte", sagte BVR-Vorstand Andreas Martin in der Mitteilung.

Sollte die Inflation im Jahresverlauf nicht deutlich abflauen, müsse sich die EZB auf eine erste Zinserhöhung noch in diesem Jahr vorbereiten. Der EZB-Rat geht davon aus, dass die Nettoankäufe beendet werden, bevor er mit der Erhöhung der EZB-Leitzinsen beginnt. Daher müsse die EZB ihre Anleihekäufe bis zum Herbst vollständig einstellen.

Auf seiner kommenden Sitzung im März sollte der EZB-Rat geringere Nettokäufe im Rahmen des APP als bisher geplant und ein Auslaufen des Programms im Herbst beschließen.

Andreas Martin, Vorstand, BVR

Bislang hat die EZB ein Ende des pandemiebedingten Anleihekaufprogramms PEPP zum Ende des ersten Quartals 2022 beschlossen, das weitere Kaufprogramm APP aber zunächst noch einmal aufgestockt und eine Fortsetzung bis mindestens Oktober dieses Jahres angekündigt. Martin forderte außerdem: "Auf seiner kommenden Sitzung im März sollte der EZB-Rat geringere Nettokäufe im Rahmen des APP als bisher geplant und ein Auslaufen des Programms im Herbst beschließen."

EZB hält die Füße still, die Bank of England prescht vor 

SAFE-Direktor: Wegweisende Entscheidung "überfällig"

Jan Krahnen, Direktor des Frankfurter Leibniz-Instituts für Finanzmarktforschung (SAFE), sieht in der Entscheidung der EZB ebenfalls eine verpasste Gelegenheit: "Angesichts der aktuellen Inflations- und Verbraucherpreisentwicklungen sowie der bereits erfolgten Richtungsentscheidungen in den USA und in England ist eine wegweisende Entscheidung der EZB überfällig - sie wird derzeit auch in seltener Übereinstimmung von den allermeisten Beobachtern eingefordert. Eine solche Aussage über eine Kursänderung beim Leitzins und/oder beim Anleiheaufkaufprogramm ist heute aber ausgeblieben. Das ist erstaunlich, denn damit hat die EZB eine Chance verspielt", sagte Krahnen in einer Stellungnahme.

Die EZB hätte ihre gegenwärtige Unsicherheit über die Interpretation der Inflationsentwicklung als dauerhaft oder vorübergehend durch eine Form der Selbstbindung mit ihren Politikzielen transparent verbinden können, so Krahnen. "Zudem hätte die EZB ankündigen können, dass sie im Falle einer konstant hoch bleibenden Inflationsrate in der Eurozone über einen gewissen Zeitraum einen positiven Zinsschritt verbindlich macht. Zugleich würden die Märkte befähigt, ihre Erwartungen in den kommenden Monaten dynamisch in die Zinsstruktur einzupreisen", betonte der Wissenschaftler.

Schleweis fordert Zinswende noch in diesem Jahr

Helmut Schleweis, Präsident des Sparkassen- und Giroverbands (DSGV), hatte in der gestrigen Vorstellung der Konjunkturprognose für 2022 ebenfalls davor gewarnt, dem geldpolitischen Kurs zu lange "freien Lauf zu lassen": "Je früher die EZB ihren Willen und ihre Fähigkeit zu angemessenem Handeln darlegt, desto abgewogener kann sie vorgehen", sagte Schleweis. "Wenn die Zentralbank der Preissteigerung zu lange freien Lauf lasse, müsse sie später nur umso heftiger eingreifen. Es muss noch dieses Jahr gelingen, dass die EZB die negativen Leitzinsen hinter sich lässt."

"Wenn die EZB der Preissteigerung zu lange freien Lauf lässt, muss sie später umso heftiger eingreifen", sagt Helmut Schleweis  

Die Verbraucherpreisinflation lag im Euroraum nach dem Harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI) im Dezember 2021 bei 5,0 Prozent und damit weit oberhalb des mittelfristigen geldpolitischen Zielwerts von 2 Prozent. Getrieben wird die Inflation aktuell von den gestiegenen Energiepreisen. Doch liegt auch die um Energiepreise bereinigte Teuerungsrate mit 2,8 Prozent deutlich oberhalb der Marke von zwei Prozent.

Inflation bleibt laut Bundesbank "außerordentlich hoch" 

Dies deutet darauf hin, dass der Preisauftrieb breit angelegt ist und damit möglicherweise länger andauert. Für Deutschland wurde im Januar nach dem amtlichen Verbraucherpreisindex (VPI) eine Inflationsrate von voraussichtlich 4,9 Prozent ausgewiesen.

Mehr von FinanzBusiness

Lesen Sie auch

Mehr dazu

Neueste Nachrichten

Weitere Stellenanzeigen zeigen