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Der M&A-Markt in Deutschland erreicht Rekordwerte

Wenn sich die Entwicklung des laufenden Jahres so weiter vollzieht, wird global sogar das bisherige Rekordjahr 2007 übertroffen, sagt Patrik Czornik von JP Morgan. Laut M&A-Berater Christian Saxenhammer zeigt sich dieser Boom im Mittelstandssegment nicht, allerdings sei traditionell erhöhte Aktivität am Jahresende nicht berücksichtigt.

(v.l.) Patrik Czornik, Head of M&A für Deutschland und Österreich bei JP Morgan, und Christian Saxenhammer, Geschäftsführer von Saxenhammer & Co. | Foto: JP Morgan (links), Saxenhammer & Co. (rechts)

Die Transaktionsberater im hiesigen M&A-Geschäft können sich 2021 vor Deals kaum retten - das wird beim aggregierten Transaktionsvolumen deutlich, das zum 31. August seit Jahresbeginn rund 95 Mrd. Euro betrug, wie Daten von Refinitiv zeigen. Darin enthalten ist auch der Mega-Deal von Vonovia und Deutsche Wohnen, sowie der Verkauf des Automobilzulieferers Hella an den französischen Wettbewerber Faurecia.

Wenn es so weiter geht, wird 2021 das neue Rekordjahr mit einem Gesamtvolumen weltweit von über 4,5 Billionen Dollar.

Patrik Czornik, Head of M&A für Deutschland und Österreich bei JP Morgan

Patrik Czornik, Head of M&A für Deutschland und Österreich bei JP Morgan, hatte diesen Boom bereits Anfang des Jahres antizipiert. "Global wird es das stärkste M&A-Jahr aller Zeiten. Der bisherige Rekord wurde 2007 erreicht, gemessen an Anzahl und Volumina. Wenn es so weiter geht, wird 2021 das neue Rekordjahr mit einem Gesamtvolumen weltweit von über 4,5 Billionen Dollar", sagt Czornik.

Starke Aktivität über fast alle Sektoren hinweg

Das M&A-Volumen in Deutschland in diesem Jahr liegt bisher bei rund 140 Mrd. Dollar (nach aktuellem Wechselkurs rund 118,5 Mrd. Euro) - das seien 40 Prozent mehr als im Vergleichszeitraum 2020. "In allen Industrien mit Ausnahme der Reise- und Touristikbranche sehen wir erhöhte M&A-Aktivität. Letztes Jahr waren es zunächst die Tech- und Healthcare-Sektoren mit vielen M&A-Transaktionen nach der Krise, dieses Jahr gibt es stark erhöhte Volumina in allen Sektoren", berichtet der Investmentbanker.

Es gibt breite Zuversicht in den Boardrooms, M&A zu betreiben wo es strategisch Sinn macht, um sich erfolgreich für die Zeit nach Corona aufzustellen.

Patrik Czornik, Head of M&A für Deutschland und Österreich bei JP Morgan

Der Technologie-Sektor sei nach wie vor ein starker Treiber, sagt Czornik. "Es gibt breite Zuversicht in den Boardrooms, M&A zu betreiben wo es strategisch Sinn macht, um sich erfolgreich für die Zeit nach Corona aufzustellen. Die Erholung der Wirtschaft und weiterhin günstige Finanzierungskonditionen bieten hierzu ein gutes Umfeld." Die wirtschaftliche Erholung zeige sich anhand der jüngsten Quartalszahlen der Dax- und MDax-Unternehmen, mit Ausnahme der Sektoren, die nach wie vor durch die Corona-Pandemie leiden, also Tourismus und Branchen mit Reiseabhängigkeit.

Finanzinvestoren treiben den Markt

Dabei gehe ein erheblicher Anteil der Aktivitäten von Finanzinvestoren aus, betont Czornik: "Fast 40 Prozent des globalen Dealvolumens ist von Financial Sponsors getrieben. Das ist auch bedingt durch die immer größeren Fonds."

Die Zuversicht der Wirtschaft und hohe M&A-Bereitschaft zeigt sich auch bei den Unternehmensbewertungen, die laut Czornik "deutlich angezogen" hätten, und nun auf dem Vor-Corona-Niveau lägen - in manchen Sektoren sogar leicht darüber. Zudem beobachten Czornik und sein Team mehr Cross-Border-Deals in Deutschland, sowohl in- als auch outbound.

Bei Mittelstand-Deals bleibt der Boom bisher aus

Im Mittelstandssegment für Transaktionen zwischen 10 Mio. und 100 Mio. Euro zeigt sich indes ein anderes Bild, berichtet Christian Saxenhammer, Geschäftsführer der M&A-Beratung Saxenhammer in Berlin. Das Gesamtvolumen der Transaktionen von Anfang des Jahres bis zum 10. September betrug rund 15 Mrd. Euro bei insgesamt 276 Transaktionen, wie Daten von Capital IQ zeigen.

Ich denke, dass die Anzahl der Deals im Mittelstand über 2020 liegen wird, allerdings wird es noch kein Boomjahr.

Christian Saxenhammer, M&A-Berater mit Fokus auf dem Mittelstand

"Allerdings fehlt das starke Jahresende, bei dem viele Deals noch abgeschlossen werden. Ich denke, dass die Anzahl der Deals im Mittelstand über 2020 liegen wird, allerdings wird es noch kein Boomjahr", ist er überzeugt.

Auffällig dabei ist, dass das durchschnittliche Dealvolumen bisher in diesem Jahr 54 Mio. Euro betrug, während es in den vergangenen Jahren maximal 50 Mio. Euro erreichte.

Langfristig allerdings "starke M&A-Jahre" erwartet

Auf lange Sicht sagt Saxenhammer "starke M&A-Jahre" voraus. "Aufgrund der Veränderungen in vielen Branchen wie Digitalisierung und Technologiewechsel gepaart mit hoher Liquidität wird es zu M&A-Aktivität kommen. Die Starken wollen anorganisch wachsen, die schwachen Unternehmer machen den Exit", sagt er.

Die Starken wollen anorganisch wachsen, die schwachen Unternehmer machen den Exit.

Christian Saxenhammer, M&A-Berater mit Fokus auf dem Mittelstand

Besonders hohe Aktivität gemessen nach Anzahl der Transaktionen gab es im Sektor Real Estate (129), gefolgt von IT (54) und Industrials (26). "Die hohe Anzahl in den Bereichen Real Estate und IT war vorhersehbar. Das Branchenumfeld spricht dafür. Auch das starke Niveau bei Industrials war zu erwarten", resümiert Saxenhammer.

Distressed M&A - also der Kauf insolventer beziehungsweise kriselnder Unternehmen - spiele momentan keine Rolle, sagt der Berater. "Es gibt historische Tiefstände bei Insolvenzen und auch nicht-insolvenzliche Restrukturierungen sind sehr dünn gesät. Mich überrascht insbesondere, dass nur sehr wenige Spin-offs und Carve-outs von Corporates vorangetrieben werden. In diesem Segment hätte ich mehr Aktivität erwartet."

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