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Ex-Aufsichtsratschef Eichelmann über die letzten Tage von Wirecard

Im Handelsblatt-Interview berichtet der ehemalige Wirecard-Chefkontrolleur Thomas Eichelmann, wie er den Untergang des einstigen Börsenstars erlebt hat.

Thomas Eichelmann | Foto: picture-alliance/ dpa | Fredrik von Erichsen

Thomas Eichelmann war der letzte Aufsichtsratschef von Wirecard. Unter anderem ihm ist es zu verdanken, dass im Herbst 2019 die KPMG-Sonderprüfung angestoßen wurde, die schließlich das Lügengebäude in der Wirecard-Bilanz einstürzen ließ. Denn erst die Sonderprüfung setzte den langjährigen Jahresprüfer EY auf die richtige Fährte.

Eichelmann hatte im Sommer 2019 den Aufsichtsratsposten übernommen, ein halbes Jahr später stieg er zum Vorsitzenden des Kontrollgremiums auf. Sein Verhältnis zu Ex-Wirecard-Chef Markus Braun beschreibt er im Interview mit dem Handelsblatt als professionell. "Nahe gekommen sind wir uns nie", so Eichelmann.

Thomas Eichelmann legt Aufsichtsratsvorsitz bei Wirecard nieder 

Er hatte nicht von Anfang an das Gefühl, dass es bei Wirecard kriminell zuging. "Dass der Vorstand im Rahmen der per Ende 2020 auslaufenden Verträge professioneller aufgestellt werden muss und dass Jan Marsalek entmachtet werden sollte, wurde mir mit der Zeit klar", so Eichelmann zum Handelsblatt. "Aber ich hatte nicht das Gefühl, dass mir hier Betrüger gegenübersitzen."

Der Ex-Wirecard-Aufsichtsrat kritisiert seine Vorgängerin Tina Kleingarn, die im September 2017 ihren Hut nahm, scharf. "Ich verstehe nicht, wie Frau Kleingarn den Jahresabschluss 2016, für den sie ja in ihrer Amtszeit zuständig war, angesichts dieser von ihr selbst beschriebenen Probleme einfach durchwinken konnte", sagt Eichelmann. Er selbst sei bei Wirecard recht schnell Problemen begegnet.

Umfangreicher Prüfauftrag

Der von ihm angestoßenen Sonderprüfung habe Braun "zumindest nach außen" zunächst unterstützend gegenübergestanden. "Wie tiefgehend der Prüfauftrag formuliert war, war Braun möglicherweise nicht bewusst", so Eichelmann.

Wie tiefgehend der Prüfauftrag formuliert war, war Braun möglicherweise nicht bewusst.

Thomas Eichelmann, ehemaliger Aufsichtsratschef von Wirecard

Damit die Prüfung nicht erneut abgebrochen wurde - wie schon 2016 bei einer Indien-Akquisition -, habe man in den neuen Prüfauftrag zwei Elemente eingebaut. "Wir mussten sicherstellen, dass die Methodenhoheit bei KPMG liegt: Die Prüfer sollten selbst entscheiden, wie tief sie graben und mit welchen Mitteln. Und wir mussten dafür sorgen, dass die Veröffentlichungshoheit auch mit bei KPMG liegt, damit der Vorstand ein unangenehmes Ergebnis nicht unterdrücken konnte", berichtet Eichelmann im Handelsblatt.

Umbau des Vorstandes war im Gange

Nach dem Prüfbericht sei seit Jahresbeginn 2020 ein Vorstandsumbau und die Vorstandserweiterung geplant gewesen.

Dazu sei man auch bereits in "fortgeschrittenen Gesprächen mit mehreren Vorstandskandidaten" gewesen, so Eichelmann. Ein positives Prüfergebnis vorausgesetzt, hätte Braun dann, wenn es nach den Wünschen des Aufsichtsrats gegangen wäre, zum Jahresende 2020 selbst in das Gremium oder in einen Beirat wechseln sollen. Der damalige Finanzvorstand und mittlerweile flüchtige Jan Marsalek hätte Ende 2020 aus dem Unternehmen ausscheiden müssen.

Erster Argwohn im Juli 2020

Der Verdacht, er habe es mit Betrügen zu tun, sei ihm zum ersten Mal gekommen, als eine der beiden philippinischen Banken am 16. Juli 2020 erklärt habe, dass die Saldenbestätigungen gefälscht sind, sagt Eichelmann. Hintergrund war damals der Umzug der Treuhandkonten von Singapur nach Manila, der Ende 2019 stattgefunden hat. Das angebliche Konzernvermögen von 1,9 Mrd. Euro gab es jedoch nicht.

Für mich wirkte es so, als wäre er von Anfang an in die Entscheidung eingebunden gewesen. Der Finanzvorstand war geknickt und wirkte wirklich überrascht.

Thomas Eichelmann, ehemaliger Aufsichtsratschef von Wirecard

Konfrontiert mit der Situation sei Braun "total ruhig und ausgeglichen" geblieben. "Für mich wirkte es so, als wäre er von Anfang an in die Entscheidung eingebunden gewesen. Der Finanzvorstand war geknickt und wirkte wirklich überrascht. Ich habe beide kritisiert und vorgeschlagen, dass das Geld zu Banken transferiert werden soll, die Bafin-reguliert sind", erinnert sich Eichelmann.

TPA war Wirecard-Drittpartner in Asien. Eichelmann wollte dann das Drittpartergeschäft einer betriebswirtschaftlichen Beurteilung unterziehen und gegebenenfalls zu beenden. "Denn wenn es so profitabel ist, wie behauptet, dann lohnen sich für Wirecard doch auch eigene Lizenzen vor Ort, so mein Gedanke", sagt Eichelmann im Handelsblatt-Interview.

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