Weibliche Führungskräfte fallen nicht vom Himmel

Großbanken wie J.P. Morgan unterhalten inzwischen eine Vielzahl von Initiativen zur Förderung von Frauen im Beruf. Nichtsdestotrotz bedarf es Eigeninitiative, Selbstbewusstsein und aktivem Netzwerken, um in einer Bank aufzusteigen, fand FinanzBusiness in Gesprächen mit Frauen in Führungspositionen heraus.

Frau mit Regenschirm | Foto: picture alliance / empics | Ben Birchall

Bei der zahlenmäßigen Besetzung in den obersten Führungsetagen großer Konzerne bleiben Frauen noch immer hinter ihren männlichen Kollegen zurück. 2020 waren lediglich 14,6 Prozent der Dax-Vorstandsmitglieder weiblich, wie eine Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft (DIW) ergab.

Dass es auch anders geht, zeigt die in Deutschland aktive US-Bank J.P. Morgan. Weltweit sind dort mittlerweile acht der 18 Mitglieder des 'Operating Comittee', dem globalen Management-Team, weiblich. Des Weiteren seien 30 Prozent des Senior Leadership Teams Frauen, sagte eine Sprecherin von J.P. Morgan im Gespräch mit FinanzBusiness.

Dazu zählen Anu Aiyengar, Co-Head of Global M&A, und die Deutsche Dorothee Blessing, Co-Head des Investmentbanking in der EMEA-Region, die Ende vergangenen Jahres in die Position befördert wurde.

Durch Zugpferde wie J.P. Morgan geraten Wettbewerber zunehmend unter Druck, ebenfalls den Anteil von Frauen an der Spitze zu erhöhen. So ernannte die Investmentbank Goldman Sachs im September 2020 nach Jahren wieder eine Frau für die Führungsposition einer großen Einheit: Stephanie Cohen leitet seither als Co-Head den Bereich "Consumer and Wealth Management", wie die Financial Times berichtete.

Grundstein 2013 mit 'Women on the move' gelegt

Den Grundstein für diesen Erfolg in der Geschlechter-Gleichstellung bei J.P. Morgan legte die Bank bereits vor rund acht Jahren mit der Gründung einer zentralen, globalen Initiative: 'Women on the move'. Regelmäßig fänden dabei Vorträge von Damen des oberen Managements statt, erzählt Corinna Füller, die seit 2012 für J.P. Morgan als Liquidity Solutions Specialist und Projektmanagerin tätig ist.

"Sie berichten ihre Erfahrung über verschiedene Bereiche, darunter 'Wie bringe ich Homeschooling und Arbeit unter einen Hut?'. Meistens gibt es dazu Video-Konferenzen zum Einwählen", sagt Füller.

Zudem arbeite die amerikanische Großbank für die Initiative zur Frauenförderung mit der Fast Forward Group, einer Coaching-Organisation, zusammen, um weiblichen Angestellten Tipps und Handlungsempfehlungen an die Hand zu geben, die sowohl das berufliche als auch das persönliche Wachstum fördern sollen. Das Programm basiere auf drei Video-Trainingsmodulen, sagte die Sprecherin. Doch warum bedarf es noch immer dieser Initiativen in der heutigen Arbeitswelt?

Neugier und klare Kommunikation als Schlüssel zum Aufstieg

Die Kompetenzen, die dabei gefördert werden sollen, erachtet Füller als essenziell für die berufliche Entwicklung von Frauen. Diese hielten sich nämlich des Öfteren mal zurück und übten sich in Bescheidenheit, und das sei eines der häufigsten Hindernisse für eine erfolgreiche Karriere.

"Es bedarf Offenheit und Neugier gegenüber Neuem sowie Selbstbewusstsein. Wenn man sich nicht traut, den Mund aufzumachen, ist es fast überall schwierig, weiterzukommen. Beruflicher Erfolg erfordert klare Kommunikation. Frauen haben eine Tendenz, schwierige Dinge nett verpacken zu wollen und dadurch Dinge nicht direkt anzusprechen, das sollte man sich schnell abgewöhnen", warnt die Projektmanagerin.

Es gibt kein richtig und falsch bei vielen Dingen. Man sollte sich also trauen, den Mund aufzumachen - dann nehmen die Chefs einen auch wahr.

Corinna Füller, Liquidity Solutions Specialist und Projektmanagerin, J.P. Morgan

Und neben dem dafür erforderlichen Ehrgeiz benötigten Frauen noch etwas anderes, um voranzukommen: "Humor", fügt die 42-Jährige hinzu. Gerade als Berufsanfängerin müsse Frau über ihren Schatten springen, insbesondere bei Themen die einem selbst wichtig seien, sagt Füller. "Es gibt kein richtig und falsch bei vielen Dingen. Man sollte sich also trauen, den Mund aufzumachen - dann nehmen die Chefs einen auch wahr. Ich habe mich also eingebracht, um zu zeigen: Ich bin da. Ich mache mir meine eigenen Gedanken."

Sichtbarkeit und Netzwerken

Diese Ansicht teilt auch Viktoria Böcker, Executive Director bei J.P. Morgan im Bereich Corporate Client Banking & Specialized Industries (CCSIB): "Visibilität im Unternehmen ist essenziell. Unabhängig vom Geschlecht sollte man auch als Frau authentisch bleiben, sowie selbstbewusst letztendlich seine Rolle im Unternehmen erfüllen. Außerdem rate ich dazu, viel zu lernen und einen guten Austausch anzustreben. Dazu ist das firmeninterne wie übergreifende Netzwerk essenziell, zum Beispiel durch andere Initiativen - etwa im Bankensektor oder wenn man studiert, andere Programme absolviert. Viel hängt von der eigenen Initiative ab", betont Böcker.

Ich hatte öfters das Gefühl, als Frau besonders professionell sein zu müssen, um Anerkennung zu bekommen und ernst genommen zu werden.

Viktoria Böcker, Executive Director, J.P. Morgan

"Zudem habe ich über die Jahre gelernt, dass man als junge Frau in einem Team mit überwiegend männlichen Kollegen selbst sicherstellen muss, dass man die Anerkennung bekommt, die einem zusteht - von Kollegen, Vorgesetzten und auch Kunden. Ich hatte öfters das Gefühl, als Frau besonders professionell sein zu müssen, um Anerkennung zu bekommen und ernst genommen zu werden. Das kann ich aktuell allerdings nicht mehr bestätigen. Bei J.P. Morgan berichte ich auch an eine weibliche Führungskraft, Alishba Ali", sagt die 35-Jährige.

Vielfältige Fördermöglichkeiten für Frauen

Die Liste der Fördermöglichkeiten für Frauen bei J.P. Morgan ist umfassend. Zu den Initiativen zählt auch das 'Working families network'. Dort könne man sich mit anderen Familien austauschen, zum Beispiel wie sie Alltagsprobleme vereinbaren mit dem Job. Egal wer sich einbringen möchte, könne dort hingehen - auch Männer. Zudem gebe es die Initiative 'Men as allies'.

"Bei J.P. Morgan gibt es tolle Networking-Möglichkeiten. Das macht es sehr einfach, mit sämtlichen Bereichen und dem Top-Management in Kontakt zu treten", sagt Füller. "Ich war zum Beispiel direkt zu Beginn meiner Karriere als Teil des 'Talent Management'-Programms mit dem Deutschland-Chef Mittag essen", erzählt sie FinanzBusiness.

Kinder als Karriereknick? Die Lösung heißt Teamwork

Auch um die allgegenwärtige Herausforderung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf weiß man bei J.P. Morgan. Den vermeintlichen Karriere-Knick Kinder könne man umschiffen, wenn alle Kollegen an einem Strang ziehen, sagt Füller. Sie ist Mutter von zwei Kindern im Alter von knapp sechs und drei Jahren, leitet neben ihrer Rolle als Liquidity Solutions Specialist aktuell als Projektmanagerin im Bereich Client Services and Implementation ein Team von sechs Mitarbeitern. Davon sind zwei weiblich, der Rest männlich. Bei ihr im Team und als Führungskraft sei sie als berufstätige Mutter bestens unterstützt worden, erzählt sie begeistert.

"Nach der Geburt meines ersten Kindes habe ich freitags nicht mehr gearbeitet. Zur Not sind Kollegen eingesprungen", sagt die 42-Jährige. "Die Flexibilität ist nötig, da fast die Hälfte meines Teams ein oder mehrere Kinder haben. Jeder hat viel Verständnis. Teamwork ist eine wichtige Komponente, damit die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gelingt. In der Pandemie haben die Video-Konferenzen mit Kollegen außerdem geholfen: Man lernt sich nochmal anders kennen, wenn jeder ein Stück des Wohnzimmers zeigt oder mal ein Kind auf den Schoß springt. Das hilft für das Verständnis."

Corona-Pandemie könnte klassische Rollenbilder verstärken

Experten, darunter auch die Soziologin Jutta Allmendinger, fürchten, dass die Corona-Pandemie für Frauen mit einem Rückschritt hin zu klassischen Rollenbildern einhergehen und Frauen "um Jahre zurückwerfen" könnte, wie sie der Zeitschrift Spiegel jüngst sagte. Neben dem Berufsalltag fiel in den vergangenen Monaten häufig noch die Doppelrolle für das Homeschooling an, und diesen Hut setzten sich häufig doch eher Frauen auf.

Diese Gefahr sieht auch Füller: "Das typische Rollenbild existiert und wird durch Corona eventuell wieder verstärkt. Da sollten sich Frauen nicht hindrängen lassen. Ich warne davor, zu viel zu akzeptieren, auch vom Partner. Frauen müssen für die Gleichberechtigung einstehen, gerade in der Pandemie, damit sie nicht in das klassische Rollenbild zurückfallen. Stillhalten ist da keine gute Grundlage", warnt die Bankerin.

Corinna Füller, Liquidity Solutions Specialist und Projektmanagerin | Foto: J.P. Morgan
Corinna Füller, Liquidity Solutions Specialist und Projektmanagerin | Foto: J.P. Morgan

Auslandsstationen können Privatleben herausfordern

Auch für Böcker stellte sich zeitweise das Problem der Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben - insbesondere am Anfang ihrer Karriere. "Das war vor allem der Fall, weil ich an verschiedenen Standorten tätig war, unter anderem in Singapur, um dort das Asiengeschäft für einen früheren Arbeitgeber auszubauen. Ich hatte viele Jahre nicht mit meinem Partner zusammen gewohnt, noch nicht mal in der gleichen Zeitzone", erzählt die 35-Jährige.

"Bei Vereinbarkeit von Beruf und Familie sind nicht nur die eigenen Kinder zu sehen, sondern die allgemeine Familie ist ebenso wichtig. Dort sehe ich Optimierungsbedarf vom Verständnis der Gesellschaft. Da sich meine Rolle auf Europa bezieht, sind vor der Pandemie nur Tagesreisen angefallen. Da sind Arbeits- und Privatleben gut miteinander vereinbar. Andere Phasen, in denen das schwieriger war, etwa meine Zeit in Asien, habe ich allerdings selbst gewählt. Da muss man auch persönlich schauen, in welcher Phase man sich befindet", merkt Böcker an.

Ähnlich wie ihre J.P. Morgan-Kollegin hebt Böcker den Wert des Gruppen-Zusammenhalts hervor, um die Vereinbarkeit zu meistern. "Als Team leisten wir uns da gegenseitig Unterstützung. Wenn jemand von den Kollegen verhindert ist, sind wir flexibel", sagt sie.

Viktoria Böcker, Head of Corporate Client Banking & Specialized Industries | Foto: J.P. Morgan
Viktoria Böcker, Head of Corporate Client Banking & Specialized Industries | Foto: J.P. Morgan